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IN ZEITEN VON UNSICHERHEIT

Von Bettina Schuster-Gäb

Sicher, Sicherheit. Die will ich auch. Sie fühlt sich gut an, wenn sie so aus dem Innen kommt. Wenn der innere Kern einem signalisiert: es stimmt einfach alles. Oder vieles. Oder vieles, was in diesem Moment als relevant empfunden wird. Oder empfunden werden sollte, um ein Gefühl von Sicherheit jetzt doch bitte gefälligst zu haben, denn das braucht man doch. Mensch, jeder! Braucht das. Jetzt. Und für alle Zeit. Besonders für die absehbare.

Es gibt Denker, die sehen das anders. Die kannten den Kapitalismus noch nicht. Die Massen mussten noch nicht gelenkt werden, die waren eh dem Einen an der Spitze unterstellt. Die royale oder feudale Lösung. Das war dann auch das Problem, aber der Mensch wußte, wo der Freiraum aufzufinden ist: in sich, im Denken. Montaigne war ein solcher Freund des Gedanken, der in Bewegung bleibt. Der fragt, abtastet, sucht. Picasso sagte neuzeitlicher, er suche nicht, er fände. Auch die Gedanken der Skeptiker fanden und verleiten auch heute noch zum Finden. Es war der Zweifel und die Systemskepsis, die sie antrieben, das Gegebene – Oberfläche wie Teifenstruktur – zu untersuchen. Sie richteten nicht, sie hinterfrugen. Und richteten auch dann noch nicht, weil das Befragen an sich recht lange dauert(e) und Differenzierung und Erkenntnisse braucht(e). Was sie sich dafür geben oder nehmen mussten, war: Zeit.

Und sie haben sich darin geübt, ihr Sicherheitsbedürfnis hinten an zustellen. Haben aufgemacht, um keinen schnellen Schlussfolgerungen zu verfallen. Dabei fiel einiges hinein in den Denkraum. Und sie nahmen es und schauten und prüften es, nach ihren humanistischen Prinzipien. Die Gedanken und Wertungen, die natürlich auch hereinwollten, in den Denkraum, die haben sie wandern lassen. Geteilt. Sich besprochen. Ein Ende dieser Denkraum-Zeit und eine feste Antwort ward erst einmal nicht in Sicht.

Es ist diese Art der Gedankenbehandlung, die heute ins Private verbannt ist, die auch im Öffentlichen wieder Einzug erhält, vielmehr erhalten könnte. Sie hat etwas mit Besonnenheit zu tun, mit der Klärung von Wertmaßstäben, mit einer menschlichen und subjektiven Angebundenheit. Nur als Mensch mit reellem, mit gefülltem, nämlich mit gefühltem Bezug zu sich als anarchischem Lebewesen mit eigenen Dynamiken, fernab von Kaufkraftgedanken und Arbeitswelt und Rente und Funktionieren, nur so kann sich ein konstruktiver Bezug zur eigenen Gesellschaft entwickeln. Aber das braucht Zeit. Geduld. Vertrauen in den Zweifel. Und Unsicherheit. Vielleicht sind Zeiten des Aufbruchs – in denen Gewohntes durch Neues, Krasses, Ungeglaubtes  aufgebrochen wird – deshalb erkenntnisstarke: weil sie das Nachdenken zu anderen Ausschlägen bringt, in große Dynamiken, ins Pendeln.

Kollektiv zu erlernen, Unsicherheiten auszuhalten, ein Wunsch. Ein Weg.

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