Kommentar zu den Silvestervorfällen aus der Perspektive der Genderforschung

Nach den massenhaften sexuellen Übergriffen gegen Frauen in der Silvesternacht 2015, vor allem in Köln, wurden viele Stimmen laut, die forderten, dass „unsere Frauen“ vor solchen Horden „arabischstämmiger“ oder „muslimischer Männer“ beschützt werden müssten. Wäre das Problem nicht so ernst, hätte man darüber lächeln können, wie nun konservativ-christliche Kreise ganz gegen ihre sonstige Einstellung das Recht der Frauen auf freizügige Kleidung verteidigten oder selbsternannte Feministen das Selbstbestimmungsrecht der Frauen im Munde führten. Ganz so, als seien in Deutschland sexuelle Gewalt und Übergriffigkeit gegen Frauen und Mädchen erst mit den Flüchtlingen oder der Zuwanderung von Muslimen gekommen (vgl. dazu auch die jüngsten Äußerungen der ehemaligen Bundesfamilienministerin).

Dass die „Nein heißt Nein“- Initiative nun erfolgreich zu einer Reform des Strafrechts geführt hat, begrüße ich. Bisher wurde eine Vergewaltigung nur bei Anwendung oder Androhung von Gewalt bestraft, und nicht, wenn die sexuelle Handlung nur verbal abgelehnt wurde. Aus diesem Grund wurde auch nur für eine geringe Zahl der angezeigten Taten (8%) eine Verurteilung ausgesprochen. Man muss nur die Sammlung der Fälle anschauen, mit denen die Initiative ihre Forderung nach Gesetzesänderung untermauerte, um zu erkennen, dass sexuelle Gewalt ein Problem in allen Bevölkerungsschichten und –gruppen der deutschen Gesellschaft ist.

Spricht man also von „unseren Frauen“, die vor den Männern der „Anderen“ beschützt werden sollen, geht es weniger um die Frauen und ihre Rechte, als um eine Abgrenzung der eigenen Gruppe oder des eigenen Volkes gegenüber den „Fremden“, den „Flüchtlingen“, den „Zuwanderern“, den „Dunkelhäutigen“, den „Muslimen“. Das deutsche Volk wird als weibliches Kollektiv symbolisiert, um seine vermeintliche Schutzbedürftigkeit vor einer Aggression von außen zu zeigen. Es wird also ein diffuses Gefühl der Unsicherheit ausgedrückt, das für Fremdenfeindlichkeit instrumentalisiert werden kann.

Ein bekanntes deutsches Magazin trat in den ersten Tagen des Neuen Jahres 2016 mit einem Titelblatt an die Öffentlichkeit, das meines Erachtens genau diese kollektive Feminisierung des deutschen Volkes als Ausdruck eines Gefühls der Bedrohung zeigt. Meine persönliche Auffassung ist, dass damit auch eine Instrumentalisierung dieses Gefühls beabsichtigt worden ist.

Was ist auf dem Cover zu sehen? – eine nackte junge, weiße und schlanke Frau mit halblangen hellen Haaren. Ihr Kopf ist halb verdeckt, sodass man die Augen nicht sehen kann. Blickt man ihr ins Gesicht, schaut man auf die vollen, leicht geöffneten Lippen; sie verdeckt mit dem linken Arm ihren Busen, mit der rechten Hand ihre Vulva. Das Bild arbeitet also mit einer Erotisierung. Über den Busen ist ein roter Balken gelegt mit der Aufschrift „Frauen klagen an“. Der sehr hellhäutige Körper der Frau ist übersät mit riesigen schwarzen Handabdrücken. Die Handabdrücke sind so angeordnet, dass man geradezu „sieht“, wie die Hände von hinten auf die Schulter der Frau gelegt oder die Arme umklammert werden. Besonders große schwarze Hand-Abdrücke sind auf dem Bauch und der Hüfte platziert. Unter dem dicken roten Balken ziehen sich noch zwei schmalere leicht diagonal über den Körper der Frau, ohne allerdings die Genitalien zu verdecken. Auf dem oberen steht: „Nach den Sex-Attacken von Migranten:“, auf dem unteren: „Sind wir noch tolerant oder schon blind?“

Nach der Veröffentlichung wurde kontrovers diskutiert, ob diese Darstellung rassistisch sei. Meiner Ansicht nach gibt es gute Argumente, sie für rassistisch und sexistisch zu halten. Denn es geht um die Abgrenzung der „Deutschen“ gegenüber den „Migranten“, wobei die Deutschen als weiß und die Migranten als „schwarz“= dunkelhäutig vorgestellt, also einer Ethnie oder gar „Rasse“ zugeordnet werden. Die Frau ist keine individuelle Frau mit persönlichen Rechten, sondern das Symbol für ein Kollektiv. Durch die erotisierte und entindividualisierte Darstellung wird der Betrachter darüber hinaus in eine voyeuristische Perspektive gedrängt, nicht in eine einfühlende. Sie wird also als Objekt präsentiert.

Sexismus mit Sexismus zu bekämpfen, ist keine gute Idee. Den Einsatz für Menschenrechte zum Anlass für fremdenfeindliche Parolen zu nutzen, geschehe dies mehr unbewusst oder mit Absicht, ist weder sinnvoll noch legitim. Denn Menschenrechte sind nicht teilbar; sie können nicht nur für die eigene Gruppe eingefordert werden.

Prof. Dr. Lucia Scherzberg (Katholische Theologie)

 

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