Queers of Color-Identitäten auf der Flucht

Astrid M. Fellner und Eva Nossem

Menschen sind aus unterschiedlichen Gründen auf der Flucht. Rassismus und Diskriminierung aufgrund ethnischer Zugehörigkeit sind einer der Gründe, Diskriminierung und/oder Gewalt aufgrund der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität ein anderer. In der derzeitigen Debatte um Zuwanderung und Securitization von Migration in Europa erfährt die Problematik, die sich vielen Migrant_innen und Communities of Color stellt, jedoch wenig Aufmerksamkeit. Tatsächlich beantragen aber jedes Jahr eine Reihe von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*, inter* und queeren Menschen Asyl in Europa und sind dabei gezwungen, einen Grund für ihre Flucht anzugeben und ihre sexuelle Orientierung beweisen zu müssen.

Artikel 1 der Genfer Flüchtlingskonvention definiert einen Flüchtling als eine Person, “die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung hat und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Furcht vor Verfolgung nicht dorthin zurückkehren kann”.[1] Auffällig ist, dass in der Auflistung der einzelnen Identitätskategorien Geschlecht und sexuelle Orientierung fehlen, sodass Flüchtlingen gezwungen sind, ihre Zugehörigkeit “zu einer bestimmten sozialen Gruppe” nachzuweisen. Verfolgungsgründe werden generell oft angezweifelt; die persönliche und psychische Belastung queerer Menschen, die ihre Verfolgungsgründe belegen müssen, stellt sich jedoch als besonders akut dar. So muss beispielsweise oft ein Beweis erbracht werden, inwiefern die betreffende Person einer verfolgten Minderheit angehört und warum sie besonders schutzbedürftig ist. Erschwerend kommt hinzu, dass in den Asylverfahren homosexuellen Flüchtlingen häufig die Schutzbedürftigkeit mit dem Argument abgesprochen wird, sie könnten Unterdrückung und Verfolgung in ihrer Heimat vermeiden, indem sie ihre sexuelle Orientierung und/oder Identität versteckt hielten. Über sexuelle Identität sprechen zu müssen stellt für viele Menschen generell eine große Herausforderung dar. Diese Schwierigkeiten betreffen hierbei nicht nur die queeren Asylsuchenden selbst, sondern auch die in die Asylverfahren involvierten Dolmetscher_innen, die sich teilweise dem komplexen Thema nicht gewachsen sind und keine angemessene Unterstützung bieten können, wodurch der Brückenschlag/die Kommunikation über sprachliche und kulturelle Grenzen misslingt.

Sprachliche Probleme beginnen bereits mit der Frage nach der Bezeichnung von Flüchtlingen, die aufgrund ihrer Sexualität oder Geschlechtsidentität geflohen sind. Die UNHCR verwendet übergreifend das Kürzel LGBTI, also Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Intersex; ihre Partnerorganisation ORAM (Organization for Refuge, Asylum & Migration) variiert zwischen LGBTI und LGBT. Sie haben sich eingehend mit der Thematik der Bezeichnungen, der verknüpften sprachlichen Tabus und dem Problem der häufig verwendeten pejorativen und beleidigenden Bezeichnungen auseinandergesetzt und haben 2016 ein fünfsprachiges Glossar in Arabisch, Englisch, Farsi, Französisch und Türkisch herausgegeben, das Beteiligte in Asylverfahren unterstützen soll.[2] Dieses Glossar wurde mehrsprachig konzipiert, um den verschiedenen sprachlich-kulturellen Hintergründen Rechnung zu tragen und keine Perspektive zu favorisieren. Dennoch vermag auch dieses Glossar keineswegs alle terminologischen Fragen zu beantworten. So gibt es beispielsweise eine Reihe von Bezeichnungen, für die in einer bestimmten Zielsprache kein Äquivalent gefunden werden konnte, und andere, deren zielsprachliches Äquivalent nur einen kleinen Teil des ausgangssprachlichen Bedeutungsspektrums widerspiegelt. Trotz der expliziten Bemühungen zeigt sich immer wieder die Dominanz der englischsprachig-westlichen Perspektive, die einen Großteil der Bezeichnungen liefert bzw. beeinflusst, was zu einer Assimilierung nicht-westlicher Konzepte sexueller Orientierung und Identität führt. Aus diesem Grund zieht die ORAM selbst häufig die Möglichkeit vor, von ‚SGN‘-Personen, also ‚sexually and gender non-conforming persons‘ zu sprechen. Versuche wie die genannten seitens der ORAM, verschiedenen sprachlich und kulturell bedingte sexuelle Orientierungen und Identitäten Rechnung zu tragen, stehen der täglichen Praxis der Asylverfahren der Ankunftsländer entgegen, wo von den ankommenden Asylsuchenden eine sprachlich-terminologische und kulturelle Einordnung und Assimilierung in das nationale/westliche System des Ankunftslandes eingefordert wird. Gerade durch die vorgegebene Terminologie entsteht zudem die Illusion, es handele sich bei ‚LGBTI‘ um fixe Kategorien mit universeller Gültigkeit bzw. Anwendbarkeit, die zudem klar voneinander abgrenzbar seien. Vor allem dieses Problem der angenommenen eindeutigen Definition und Abgrenzbarkeit führt in zahlreichen Fällen zur Ablehnung der Asylanträge, beispielsweise bei bisexuellen Asylsuchenden oder bei Personen, die als Grund für ihre Schutzbedürftigkeit ‚Homosexualität‘ angeben, in ihrem Herkunftsland allerdings in einer heterosexuellen Ehe leben. Die Probleme liegen also einerseits sowohl in der Nichtentsprechung sprachlicher und kultureller Konzepte bzgl. sexueller Orientierung und Identität und in dem mangelnden Bewusstsein diesbezüglich auf Seiten der aufnehmenden Institutionen, als auch allgemein in dem lückenhaften und sehr punktuellen Wissen um nicht konforme Geschlechter und Orientierungen.

Vielleicht muss man auch bedenken, dass die Tatsache, dass es überhaupt LGBTIQ Personen gibt, die durch ihre Nicht-Konformität zur Flucht gezwungen sind, bei vielen noch nicht im Bewusstsein angekommen ist. Es ist daher wichtig zu betonen, dass die Phänomene von Migration, Ethnizität und Sexualität dringend intersektional zusammen gedacht werden müssen. Im akademischen Umfeld, besonders in den USA, hat sich die sogenannte Queer of Color und insbesondere die Queer Diaspora Kritik entwickelt, die jedoch im europäischen Kontext noch relativ wenig Beachtung gefunden hat.[3]

Die meisten Queer of Color-Interventionen knüpfen an Schwarze bzw. Latina Intersektionalitätsvorstellungen an und gehen auf den U.S.-amerikanischen Women of Color-Feminismus in den 80er Jahren zurück, der auf die Pluralität von Identität aufmerksam machte. Die Publikation von This Bridge Called My Back. Writings by Radical Women of Color (1981) sowie das Buch All the Blacks Are Men, All the Women Are White, But Some of Us Are Brave (1982)[4] waren bahnbrechend, da sie die verschiedenen Formen der Unterdrückung, die Gleichzeitigkeit und gegenseitige Verstärkung von ‚Geschlecht’, ‚Rasse’, ‚Sexualität’ und ‚Klasse’ sowie Fragen wie Immigration, Migration, Globalisierung und soziale Probleme zusammen betrachteten.

Unter dem Einfluss von Postcolonial, Critical Race, und Critical Whiteness Studies haben sich dann in der Folge eine Reihe von theoretischen Denkansätzen entwickelt, die intersektional vorgehen. Roderick A. Ferguson, eine der bekanntesten rezenten Stimmen, hat dabei maßgeblich den Diskurs der Queer of Color Kritik beeinflusst und betont, dass Intersektionen multiple Vielschichtigkeiten darstellen[5]. Ein wesentliches Konzept, das in der Queer of Color-Kritik angeführt wird und das in den derzeitigen Debatten mitgedacht werden sollte, ist das von „Homonationalismus“ (Puar 2007). Homonationalismus kritisiert die unreflektierte Positionen und die Verbindung von LGBTIQ Rechten mit nationalistischen Diskursen in queeren Communities und zielt darauf ab, die zunehmende Akzeptanz von LGBTIQ Rechten in westlichen Staaten als Form einer Zivilisationsüberlegenheit gegenüber angeblich weniger aufgeklärten, insbesondere muslimischen Gesellschaften, zu erklären. Puar nennt diese Haltung eine Form „sexuellen Exzeptionalismus‘“, der sich im Diskurs der „Islamophobie“ manifestiert.[6] Und tatsächlich ist in Europa eine Verurteilung des Islam als homophob fast täglich in den Medien zu beobachten. Vorstellungen von „homophoben Migranten” und einem „frauenfeindlichen Islam” stehen dabei im Vordergrund der öffentlichen Debatte. Aber nicht nur im akademischen Bereich sondern auch verstärkt in Aktivist_innenkreisen sind Bemühungen zu verzeichnen, die sich von Formen von Homonationalismus abzugrenzen versuchen und sich gegen die Vereinnahmung durch rechtpopulistische Stimmen einsetzen. Beispielhaft sei an dieser Stelle das gerade veröffentlichte „Berliner Manifest“[7] genannt, das sich „gegen die Instrumentalisierung sexueller Minderheiten durch Rechtspopulist_innen“ richtet und „für eine offene Gesellschaft der Vielfalt und des Respekts“ eintritt. Diese Initiative sendet wichtige Impulse für eine solidarische Gesellschaft, die sich gegen jegliche Formen von Diskriminierung einsetzt.

 

 

[1] http://www.unhcr.de/questions-und-answers/fluechtling.html

[2] http://oramrefugee.org/wp-content/uploads/2016/04/Glossary-PDF.pdf

[3] In diesem Kontext sind die Arbeiten von Fatima El-Tayeb zu erwähnen, vor allem ihr Rassismusbegriff und ihre Untersuchungen zur Ausgrenzung rassifizierter Bevölkerungsgruppen wie etwa „europäischer Communitys of Color“ (7). Siehe: Fatima El-Tayeb: Anders Europäisch. Rassismus, Identität und Widerstand im vereinten Europa. Unrast Verlag, Münster, 2015.

[4] Cherríe Moraga/Gloria Anzaldúa (Hrsg.): This Bridge Called My Back. Writings by Radical Women of Color, San Francisco: Spinsters/Aunt Lute, 1987; Gloria T. Hull/Patricia Bell Scott/Barbara Smith (Hrsg.): All the Women Are White, All the Blacks Are Men, But Some of Us Are Brave: Black Women’s Studies, Old Westbury NY: The Feminist Press, 1982.

[5] Roderick A. Ferguson: Aberrations in Black. Toward a Queer of Color Critique, Minneapolis 2004.

[6] Jasbir K. Puar: Terrorist Assemblages. Homonationalism in Queer Times. Durham: Duke University Press, 2007.

[7] http://www.berliner-manifest.de/; Veröffentlichung: 01. September 2016.

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