Keine Zukunft ohne Wissen um uns selbst

„Löst die Erinnerungen des gleichen Schicksals ǀ Nicht ein verschloßnes Herz zum Mitleid auf?“
[Goethe: Iphigenie auf Tauris, 1787, V. 1843-44]

Vielleicht stimmt es, dass sich im vergangenen Jahr, wie häufig empfunden wird, Deutschland, das Land, in dem wir leben, und ebenso Europa erheblich verändert haben. Vielleicht stimmt es, dass die Attentate, die Ankunft hilfesuchender Flüchtender in ungewöhnlich großer Zahl, dass der Krieg in Syrien und im Irak, dass die Existenz des sogenannten Islamischen Staats, dass der Krieg in der Ukraine und damit die Rückkehr des Eroberungskrieges nach Europa uns selbst, unser Selbstverständnis, die Art, wie wir zusammenleben, unsere Gesellschaften verändert und in Frage gestellt haben. Vielleicht sind wir heute andere als vor einem oder zwei Jahren – und womöglich ist diese Veränderung wirklich erheblich größer, als jene, die uns sonst im Verlauf eines oder zweier Jahreszyklen ereilen.

Ein genaueres und verlässlicheres Urteil werden wir vermutlich erst in 20, 30 oder 50 Jahren fällen können. Gewissheiten hingegen werden wohl frühestens in hundert Jahren erreicht, wenn wir selbst schon nicht mehr gefragt werden können. Wenn wir Glück haben, dann ist jene Gesellschaft, die dann unsere Zeit beurteilt, noch immer eine offene, die historische Forschung und deren Freiheit für ein hohes Gut hält.

In der Gegenwart die Gegenwart erkennen zu wollen, geschweige denn die Zukunft, ist ein komplexes und anstrengendes Unterfangen – aus vielen Gründen: Die Evolution hat Menschen mit der notwendigen Fähigkeit zur Selektion von Informationen ausgestattet, um Lähmung durch Informationsüberlastung zu vermeiden. Stetig sortieren wir so die eigehenden Informationen nach dem Grade ihrer vermuteten Wichtigkeit – und verwerfen täglich den größten Teil unserer Erfahrungen und unseres Wissens. Ob wir gut gewählt haben, erweist sich erst in der Rückschau, uns fehlt im Prozess der nötige Überblick.

Die Evolution hat den Menschen zudem mit einem gestaffelten Reaktionssystem auf unsere Umwelt versehen, bestehend aus Reflexen, Emotionen und der Fähigkeit zu rationalen Erwägungen: Bei den Reflexen führt ein Schlüsselreiz zu einer programmierten Reaktion, diese „vollzieht sich spontan, läuft nach einem starren Muster ab und tritt zuverlässig immer auf, wenn der zugehörige Reiz präsent ist“.[2] Ähnlich werden Emotionen durch spezifische Reize ausgelöst, jedoch „bereiten sie den Körper auf eine spezifische, evolutionär bewährte Verhaltensreaktion nur vor, führen diese noch nicht unmittelbar aus“.[3] So führt hier der Reiz zu einer körperlichen Reaktion, die als Gefühl wahrgenommen wird, und typische Reaktionsmuster stehen zur Verfügung, werden aber nicht automatisch ausgelöst. Die körperlichen Veränderungen, die der Reiz auslöst, erlauben uns, im Notfall schnell zu agieren, die Entkoppelung von Reiz und Reaktion lässt zugleich Raum für freies Handeln. Die rationale Reaktion hingegen als drittes Verfahren im Umgang mit der Welt kann von der Emotion ihren Ausgang nehmen, braucht jedoch mehr Zeit und ist daher nicht eng an auslösende Reize gebunden. So gewinnen wir die Freiheit, gegen unsere Gefühle zu handeln, doch: „Wo schnelles Handeln erforderlich ist oder rationale Erwägungen nicht weiterhelfen, entscheiden wir ›gewaltsam‹, d.h. nach willentlich abgebrochener Reflexionsphase, oder ›aus dem Bauch heraus‹, d.h. entsprechend den archaischen Verhaltensdispositionen oder ›Intuitionen‹ in uns.“[4]

Die ersten drei Sätze des ersten Artikels des Grundgesetztes der Bundesrepublik Deutschland lauten:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Wir leben in einer Gesellschaft, die von der Geltung der Gesetze geprägt ist, von repräsentativer Demokratie, Rechtssicherheit, Gewaltenteilung. Wir leben in einem Land, dessen Wohlstand aus dem unermesslichen Geschenk hervorging, dass nach 1945 dem westlichen Teil Deutschlands trotz der beispiellosen Tötungs- und Zerstörungswut der Nazi-Zeit mit Hilfszuwendungen der Wiederaufbau, eine neue Zukunft ermöglicht wurde. Doch weder die Selbstverpflichtung des Grundgesetztes auf den Schutz der Menschenwürde und die Wahrung der Menschenrechte, noch der Marschallplan oder die staatlichen Grundstrukturen, die der Bevölkerung dieses Staates etwa die Freiheit des Glaubens, der Berufswahl, der Meinungen und politischen Ansichten garantieren, sind das Ergebnis einer primär gefühlsbasierten Entscheidung oder einer Erwägung des Momentes. Sie alle sind Resultat umfangreich abwägenden Nachdenkens über die Geschichte des Menschen. Sie sind Ergebnis ausdauernder Auswertung der Menschheitserfahrungen und komplexer Reflexionen, und sie stehen am Ende eines unendlich blutigen Ringens um eben diese grundlegenden Erkenntnisse in Kriegen über Kriegen.

Wir können heute nicht wissen, was und wer wir morgen sein werden. Gleichwohl müssen wir in unsere Geschichte blicken, um uns vor jenen Entscheidungen zu bewahren, die aus einer momentanen Irritation, Sorge oder Angst heraus getroffen werden und in der Vergangenheit immer neu ins Unglück geführt haben. Wir benötigen die Kühle und Genauigkeit einer abwägenden, reflektierenden Debatte. Wir müssen uns Souveränität gegenüber den Suggestionen unserer Gefühle erarbeiten. Wir brauchen die Skepsis gegenüber allen einfachen Lösungen, weil diese noch nie geholfen haben: Es gibt keine „Nation“ und kein „Volk“, nur eine Bevölkerung. Die Welt ist komplex, aber sie ist in ihrer Komplexität nicht unverstehbar. Wenn wir Welt gestalten wollen, müssen wir uns der Arbeit des Verstehens unterziehen, wir müssen lesen, zuhören, beobachten, miteinander im Gespräch stehen. Wir müssen Wissen sammeln, wir müssen unsere Geschichte studieren, sie befragen und analysieren. Wir brauchen die Philosophie dringlicher denn je, die Gesellschafts- und Kulturwissenschaften. Wir müssen uns aus der Literatur, der Musik und Kunst die dort aufgehobenen Erfahrungen des Menscheins immer neu aneignen, um keine Erfahrung zu übersehen, die uns einen menschenwürdigen Weg des Lebens ohne Krieg weist. Wir brauchen die Theater, die immer neu den Bestand an Stücken sichten, in denen schon vor Jahrhunderten Menschen jene Probleme spiegelten, die auch uns heute beschäftigen, um unseren Blick zu schärfen und mit historischer Tiefe auszustatten.

Wir brauchen den Blick in die Geschichte, um uns angesichts der Ankunft der vor Krieg, Mord, Folter, Hunger und Armut fliehenden Menschen zu erinnern, dass etwa zwischen 1820 und 1930 rund 6 Millionen Deutsche, die Mehrheit Wirtschaftsflüchtlinge, in den USA Aufnahme fanden, dass während des Nazi-Regimes mehr als 80 Länder den rund 500.000 aus Deutschland Vertriebenen Asyl gewährten. Wir sollten uns immer neu daran erinnern, dass die Geschichte der Menschheit eine Geschichte der Kriege, der Vertreibungen und der Migration ist, die nicht nur alle Menschen zu nächsten Verwandten macht, sondern die endlich zu überwinden ist, indem wir die richtigen Entscheidungen für die Zukunft treffen. Die größte Garantie dafür aber ist und bleibt, so scheint mir, die Investition in Bildung, Bildung und Bildung, nicht aber die Kürzung von Universitäten, die Vernichtung von Bibliotheken und Eindampfung unserer Archive, das Sparen an Sprachkursen, die Marginalisierung von Orten und Praktiken der Reflexion über unser Tun. Nur, wer die Geschichte unserer Welt kennt, kann die Vorzüge und Mängel unserer Gesellschaftsordnung angemessen beurteilen und produktiv weiterentwickeln, ist in der Lage, Menschen, die vor Krieg und Tod in unser Land kommen, ein Ankommen und Integration überhaupt zu ermöglichen.

Dr. Johannes Birgfeld

[1] Zitiert nach: Werner Peek: Griechische Grabgedichte. Griechisch und Deutsch. Berlin: Akademie-Verlag 1960, S. 151.

[2] Katja Mellmann: Literatur als emotionale Attrappe. Eine evolutionspsychologische Lösung des »paradox of fiction«. In: Uta Klein/Katja Mellmann/Steffanie Metzger (Hg.): Heuristiken der Literaturwissenschaft. Disziplinexterne Perspektiven auf Literatur. Paderborn: Mentis 2006, S. 145-166, hier S. 151.

[3] Dabei ist die „Wahrnehmung der körperlichen Veränderungen ist das, was als bewußter Erlebnisaspekt der Emotion (als ›Gefühl‹) in unserer Selbstwahrnehmung auftauchen kann“ (Mellmann: Literatur als emotionale Attrappe, S. 151).

[4] Mellmann: Literatur als emotionale Attrappe, S. 152.

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