In einer neuen Sprache ankommen – Ergebnisse einer Untersuchung der Situation syrischer Flüchtlinge im Saarland

Benedikt Kramp & Stefanie Haberzettl

„In Syrien gibt es Krieg, wir haben große Probleme.“
(Ahmad (Namen bei allen Zitaten geändert), 59, Dudweiler)

Sie kommen aus Damaskus, Aleppo und Homs, aus ar-Raqqa, Latakia und Dar‘aa. Alles Städte, die vor Beginn des Bürgerkrieges in Syrien froh und lebenswert waren; heute dagegen sind sie nur noch ein Bild von Trümmern.

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Quelle : https://www.care.de/einsaetze/naher-osten/syrien/

„Ich mag Deutschland und ich liebe die deutsche Bevölkerung, in meinem Heimatland gibt es Krieg, ich habe kein Haus oder sonstiges mehr in Syrien.“
(Raneem, 39, Saarbrücken)

Seit der zweiten Jahreshälfte 2013 ist die Zahl der Asylantragsstellungen in Deutschland stark angestiegen und liegt seit Juni 2014 kontinuierlich bei über 10.000 pro Monat. 2015 wurde erstmals die Zahl von 440.000 Erstanträgen überstiegen und lag damit etwas höher als das bisherige, vom Balkankonflikt geprägte Rekordjahr 1992 (mit etwa 438.000 Erst- und Folgeanträgen). Die überwiegende Zahl der Anträge, knapp 36% im Jahr 2015 (1), wurde von SyrerInnen gestellt.

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Quelle : https://www.weltkarte.com/typo3temp/images/politische-karte-syrien.jpg

Integration durch Sprache

Mit der steigenden Zahl der in Deutschland ankommenden Menschen wachsen auch die Herausforderungen an das Bildungs- und Sozialsystem der Bundesrepublik.

Die Integration – wie auch immer man diesen Begriff auf der Skala zwischen Assimilation und Inklusion einordnen mag – steht dabei im Zentrum der aktuellen Debatten. Auch wenn Sprache allein dabei sicherlich nicht ausreicht, besteht kein Zweifel an ihrer Schlüsselrolle.

In der Spracherwerbsforschung unterscheidet man zwischen Fremd- und Zweitsprache. Dabei beschreibt der Fremdspracherwerb den sog. gesteuerten Erwerb einer Sprache in der Schule oder in einer anderen Bildungsinstitution im Ausland, unterstützt durch eine Lehrkraft und meist mit einem Lehrwerk. Im Alltag spielt die Fremdsprache keine große Rolle. Der Zweitspracherwerb verläuft hingegen größtenteil ohne explizite Anleitung. Die Zweitsprache ist die Sprache der Umgebung und somit von zentraler Bedeutung für die Bedürfnisse des alltäglichen Lebens. Die Lerner machen sich, so gut sie können, einen Reim auf die Sprache, die sie umgibt und in der sie von Anfang an gleich kommunizieren müssen. Sie versuchen, so viele Wörter und Regeln für die Zusammensetzung von Sätzen zu erschließen, wie sie können oder wie sie es für ihre Bedürfnisse brauchen.

Soweit die Definition dieser Begriffe in der Theorie – in der Praxis sind „Reinformen“ des Fremd- oder Zweitspracherwerbs selten, denn über das Internet und die sozialen Medien können auch Fremdsprachenlerner authentische Kommunikation mit Muttersprachlern führen, und Zweitsprachlerner besuchen durchaus oft auch Sprachkurse – und müssen das auch unbedingt! Wenn Deutschland für sie eine zweite Heimat werden soll, muss sich ihre Sprachkompetenz stetig verbessern und Grundwissen für die einfachen Sprachhandlungen des Alltagslebens reichen dabei auf lange Sicht nicht aus.

Vor diesem Hintergrund wurde in einem Projekt der Universität des Saarlandes mit Fragebögen in arabischer Sprache und Einzelinterviews, beides unterstützt von einem arabischsprachigen Dolmetscher, eine Studie zu Flüchtlingen aus Syrien im Saarland durchgeführt, in der es insbesondere um das Thema der zweiten Sprache Deutsch geht. Die Arbeit trägt den Titel „Deutsch für Geflüchtete – eine Bedarfsanalyse“ und wurde von Benedikt Kramp, Master-Student an der UdS, verfasst. Diese Studie soll dazu beitragen, die Versorgung mit Sprachlernangeboten zu verbessern.

Zweite Heimat Deutsch(land)

„Sicherheit ist wichtig, ich fühle mich wohl hier und es ist wie mein zweites Heimatland, es ist nicht unbekannt.“ (Alan, 28, Quierschied)

So wie Alan sehen es viele der 113 Befragten. Fast jeder Zweite (rund 48%) sieht sich auch in 5 Jahren noch in Deutschland, nur knapp jeder Zehnte (9%) gibt an, in 5 Jahren wieder in Syrien sein zu wollen.

Es sollte klar sein: Je länger die Konflikte in den jeweiligen Ländern andauern, desto mehr Menschen werden dann auch dauerhaft in Deutschland bleiben wollen.

„Ich möchte in Deutschland bleiben, weil Deutschland ein starkes Land ist, ich liebe die Stärke, das gefällt mir, die Menschen hier haben Rechte und diese Rechte werden bewahrt.“ (Khaled, 20, Saarbrücken)

Auch wenn man davon ausgeht, dass viele wieder in ihre alte Heimat zurückkehren, ist es, nicht zuletzt aus humanitären Gründen, unerlässlich diesen Menschen die Möglichkeit zu geben, ein lebenswertes Leben zu führen. Sprache und Integration sind untrennbar miteinander verbunden und Sprache bildet die Voraussetzung für Teilhabe und Partizipation in und an der Gesellschaft und damit für soziale Kontakte.

„Ich sehe meine Zukunft in Deutschland, für eine sichere Zukunft und weil Deutschland ein sicheres Land ist.“ (Shadi, 18, Nonnweiler)

Dieses und auch schon die vorherigen Zitate zeigen, dass der Integrationswille und die Bereitschaft zur partizipativen Teilhabe in der Gesellschaft durchaus gegeben sind – und dass nicht, wie in Stammtischgesprächen leider oft behauptet, das Gegenteil der Fall ist.

Zukunftsträume: Leben und Arbeiten

„Ich möchte mich in der Gesellschaft gut integrieren, ich möchte ein produktives Mitglied der Gesellschaft für den Aufbau des Landes sein, ich möchte dem Staat nicht auf der Tasche liegen. Ich möchte mich nicht von anderen abhängig machen und meinen eigenen Lebensunterhalt verdienen.“ (Malek, 36, St. Wendel)

Die folgende Graphik aus der genannten Studie zeigt, wo die Befragten sich gerne beruflich einbringen würden:

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Aber die Befragten äußern auch Wünsche für ihr soziales Leben, würden gerne Kontakte knüpfen und Freundschaften aufbauen. Leider scheitert das oft an den Wohnbedingungen und natürlich an der Sprachbarriere.

„Es ist schwierig Kontakt mit den Deutschen zu haben.“ (Nasir, 24, Schafbrücke)

Über 76% der Umfrageteilnehmer geben an, dass ihnen Kontakt zu Deutschsprachigen beim Deutschlernen helfen würde. Viele Flüchtlinge sind aber auch nach über sechs Monaten nach ihrer Ankunft in Zimmern mit bis zu 12 Personen untergebracht, warten auf ihre Vorladung zur Anhörung, die die Grundlage für die Entscheidung über den Asylantrag bildet, oder auf den Erhalt eines Aufenthaltstitels, der sie zur Teilnahme an einem Integrationskurs berechtigt. Kontakt zu Deutschsprachigen gibt es in dieser Zeit so gut wie keinen.

Ein kleiner Lichtblick

Seit November 2015 erhalten Asylbewerber und Geduldete aus Ländern mit guter Bleibeperspektive, d.h. aus Ländern mit einer Anerkennungsquote von über 50%, Zugang zu Integrationskursen. 2016 gehören Eritrea, Iran, Irak, Somalia und Syrien zu diesen Ländern (2).

Nichtsdestoweniger sind die Wohnsituation, die langen Wartezeiten bis zum Eintritt in eine Deutschlernmaßnahme – auch aufgrund langer behördlicher Bearbeitungszeiten – und die damit verbundene Unsicherheit über den Verbleib kontraproduktiv für den Lernprozess und die Lernmotivation.

Wortloses Warten

„Ich wünsche mir, dass es Deutschkurse gibt.“ (Amer, 22, Kleinblittersdorf)

Nach Angaben des Deutschen Volkshochschulverbandes, dem bundesweit größten Träger von Integrationskursen, liegen die durchschnittlichen Wartezeiten für den Einstieg in einen Integrationskurs derzeit bei etwa sechs Monaten. Bei privaten Instituten dürfte die Zahl unwesentlich davon abweichen.

Dazu kommt, dass die Kurse selbst oft keine guten Lernbedingungen bieten.

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Quelle : http://www.tagesspiegel.de/images/sprachkurs-fuer-fluechtlinge/12598210/2-format43.jpg

„Es wäre gut, wenn es weniger Teilnehmer wären.“ (Erbal, 28, Saarbrücken)

Um den hohen Bedarf zu decken, hat das BAMF die Höchstzahl der Teilnehmer im Integrationskurs auf 25 (von 20) angehoben, eine Kursauslastung, die jedem Teilnehmer vermutlich kaum mehr als eine Minute Redezeit pro Unterrichtsstunde erlaubt. Hinzu kommt, dass viele Kurse sehr heterogen zusammengesetzt sind, trotz der im Vorfeld durchgeführten Einstufungstests.

„Es war schwierig, dass ich direkt in einen Sprachkurs kam, obwohl ich nicht schreiben kann.“ (Wessam, 30, Saarbrücken)

Im Unterricht treffen Lerner, die schon in ihrer Muttersprache nicht alphabetisiert sind, auf Akademiker, die fließend Englisch sprechen und möglichst schnell ein (deutschsprachiges) Studium aufnehmen möchten. Die Kurskonzeption sollte daher vermehrt an die Bedürfnisse, die spezifischen Voraussetzungen und den Bildungshintergrund der Teilnehmenden angepasst werden.

Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Im diesem Zusammenhang werden auch unterschiedliche Erwartungen an einen Deutschkurs von Seiten der Umfrageteilnehmer formuliert.

„Den Anfängern beibringen, wie man einfache Sätze bilden kann.“ (Khaldun, 27, Saarlouis)

„Eine Verbindung zwischen Deutschkurs und Studienfach.“ (Rulaf, 19, Wadgassen)

„Mündliche Übungen sind sehr wichtig, ich möchte von Ihnen, dass sie sich um mündliche Übungen kümmern.“ (Mohannad, 36, Saarbrücken)

Den Wunsch nach mehr mündlichen Übungen äußert eine große Mehrheit der Befragten. Das Erlernen erster Floskeln für den Gesprächseinstieg und die Erstorientierung in verschiedenen Situationen ist zunächst der drängendste Bedarf.

Die Geflüchteten werden allerdings leider nicht weit kommen in dieser mündlichen Alltagskommunikation:

Der Erwerb mündlicher Sprachkompetenz kann nur ein erster, wenn auch entscheidender Schritt zum Erlernen der deutschen Sprache sein. Es muss jedoch klar sein, dass auch die von schriftsprachlichen Strukturen geprägte Bildungssprache essentiell ist für den Einstieg in die Arbeitswelt.

Die Bildungssprache ist eine schwierige, auch für viele „Biodeutsche“ (jugendsprachliches Kurzwort für: nicht-mehrsprachig aufgewachsene oder aufwachsende Person ohne Migrationshintergrund) sehr fremde Sprache, die man nicht in der Fahrschule lernen kann.

Aufgaben für professionelle und ehrenamtliche Helfer

DaF = Deutsch an Fahrschulen? Auf diese Idee konnte man zeitweise kommen! In der Tat sollte es auch an Fahrschulen Deutschkurse geben, um dem großen Bedarf gerecht zu werden. (3)

Solche mehr als fragwürdigen Angebote sollten zeigen, wie wichtig die verstärkte Einrichtung von Deutschkursen mit professionell ausgebildeten Sprachlehrern ist. Leider arbeitet die überwiegende Mehrheit der Lehrkräfte in den Integrationskursen in einem unsicheren Beschäftigungsverhältnis auf Honorarbasis. Dabei verfügen sie über ein abgeschlossenes Hochschulstudium, zumeist in Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache, sind ExpertInnen für die Zielsprache Deutsch – von der Alphabetisierung bis zur fachsprachlichen Kommunikation – und VermittlerInnen, wenn es um gesellschaftliche und berufliche Integration, Selbstwirksamkeitserfahrung und Selbstständigkeit geht. Dafür sollten sie angemessen entlohnt werden.

Doch auch Ehrenamtliche werden gebraucht. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Behördengängen und anderen „praktischen“ Herausforderungen.

„Wie und wo kann ich mich informieren, wenn ich Schwierigkeiten habe? Wer kann mich beraten?“ (Ahmad, 44, Saarbrücken)

Aber sie stehen auch für menschliche Anteilnahme und für Austausch auf Augenhöhe.

„Ich würde mir wünschen, jemand würde mich fragen, ob ich mich in Deutschland wohl fühle, oder, ob ich unter Problemen leide.“ (Wael, 24, Neunkirchen)

Und schließlich helfen sie dabei, die offene, positive Haltung der Bevölkerung aufrecht zu erhalten und Vorurteile und Berührungsängste insgesamt abzubauen, die bekanntlich (wieder) zugenommen haben. Letzteres ist auch für die von uns Befragten zu spüren. Einige Befragte geben an, das einstige Klima der „Willkommenskultur“ habe sich – vor allem nach den Ereignissen der Silvesternacht in Köln – gewandelt und die Kontaktaufnahme sei schwieriger geworden.

„Ich habe seit Köln Angst vor der Reaktion der Menschen hier.“ (Adham, 20, St. Ingbert)

„Ich habe manchmal den Eindruck, die Leute haben Angst vor den Flüchtlingen“.
(Saner, 47, Saarbrücken)

Die Studie der UdS /Lehrstuhl für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache hat uns gezeigt, dass es noch viel zu tun gibt, um den Deutschunterricht auszubauen und auf die Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen abzustimmen. Vor allem aber hat sie gezeigt, dass die Motivation, in und mit Hilfe der Sprache Deutsch in unserer Gesellschaft anzukommen, groß und trotz aller Schwierigkeiten ungebrochen ist. Das stimmt uns optimistisch – und und macht Mut, gemeinsam diese Herausforderung anzugehen!

„Deutschland ist meine zweite Heimat. Deutschland schützt uns. Ich bin sehr froh darüber. Ich danke euch.“ (Ali, 21, Schafbrücke)

Wir danken dir, Ali, für dein Vertrauen. Wir wollen es nicht enttäuschen.

Quellen:

  • BAMF: Das Bundesamt in Zahlen – Asyl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2016.
  • BAMF: http://www.bamf.de/DE/Infothek/FragenAntworten/IntegrationskurseAsylbewerber/integrationskurse-asylbewerber-node.html
  • Burchard, A: Schlingerkurse. URL: http://www.tagesspiegel.de/wissen/verwirrende-vielfalt-bei-deutschkursen-fuer-fluechtlinge-die-schlingerkurse/13070740.html

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