Neu-Europäer: Zwischen Divergenz und Konvergenz

Christian Scholz[*]

Aufgabe der Wissenschaft ist es, auch über Dinge intensiv nachzudenken, die sich als gegeben in unseren Denkprozessen festgesetzt haben. Und dann vielleicht sogar etwas weiterzudenken: Denn wir als Wissenschaftler haben den Vorteil, nicht eingekeilt in die Tagesaktualität, also mit Abstand und mit theoriegestähltem Blick Dinge zu erkennen, die emsig Getriebene nicht sehen können und (sofern es sich um Politiker handelt) auch nicht sehen wollen. Nur kann man Millionen von Flüchtlingen eigentlich nicht übersehen und sollte langsam darüber nachdenken, was Europa mit ihnen macht und was sie mit Europa machen.

Integration als Zauberwort

Zurückschauen ist lehrreich. Wenn man in den 1980er Jahren über Europa sprach, gab es ein ganz wichtiges Zauberwort: „Integration“. Wohin man auch schaute: Alles wurde zusammengeführt, alles vereinheitlicht. Das Ziel: gemeinsame Arbeits-, Finanz-, Währungs-, Kultur-, Bildungs- und Alles-Andere-Auch-Bald-Gleich-Märkte. Es gab sogar die Idee eines europäischen Fernsehprogramms. Dort lief als gemeinsames Vormittagsprogramm die DJ-Cat-Show mit Linda de Mol, und meine Kinder sahen ihr Fernsehen zeitgleich plus inhaltsgleich wie Kinder in Finnland.

Ende der 1980er Jahre wollte ich ein MBA-Programm starten, das sich mit Unterschieden in Europa befassen sollte. Also: Warum ist Personalführung in Portugal anders als in Schottland? Warum verkauft man Waschpulver anders in Italien als in Frankreich? Dieses Programm kam: Zum Glück wählten wir aber nicht (wie unsere juristischen Kollegen für ihren LL.M den Titel European Integration, sondern den Titel „European Management“. Denn: Kann es nur und immer ausschließlich um „Integration“ gehen?

Im Oktober 2004 durfte ich den bekannten Journalisten Peter Scholl-Latour zur Eröffnungsfeier nach Saarbrücken einladen und verwendete bei meiner Einführung folgende Formulierung: „Gerade heute, wo wir die Faszination der Vision Europa aus der Ernüchterung heraus in eine faszinierende Realität umsetzen wollen, brauchen wir einen kritisch konstruktiven Dialog.“ Was wir damals aber alle eher am Rande zur Kenntnis nahmen, waren Peter Scholl-Latours mahnende Worte zum Thema Türkei und die damit verbundene Zugehörigkeit zu einem anderen Kulturkreis. Wovon wir damals noch überhaupt nicht sprachen: von Syrien, von Afghanistan, aber auch nicht von der Ukraine und Rumänien.

Alles drehte sich nur um Integration, und unsere EU-Institutionen drehen immer noch fleißig an diesen Rädern.

Konvergenz als Irrglaube?

An diesen Nachmittag vor bald 30 Jahren kann ich mich noch gut erinnern: Nach der Vorstellung der Idee des oben erwähnten MBA-Programms blickte ich in erstaunte Gesichter. Warum in aller Welt soll man sich mit Unterschieden in Personalführung und im Marketing innerhalb von Europa beschäftigen? Wenn doch sowieso alles zusammenwächst und gleich wird? Das Zauberwort „Integration“ fand seine Steigerung im Glauben an den Automatismus der Konvergenz. Aber bemerkenswert: Die damalige Kultur an der Universität des Saarlandes ermöglichte trotzdem den Start des Programms. Wie im ursprünglichen Europa ging es auch an der Universität um Vielfalt, Freiheit, Föderalismus und Demokratie.

Der Automatismus „Konvergenz“ funktioniert in Europa aber nur begrenzt. Übrigens: Die Idee eines europäischen Fernsehprogramms mit einem gemeinsamen Vormittagsprogramm für Kinder erfuhr unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit bereits 1989 ein jähes Ende, als Sky Channel 1989 entschied, sich ausschließlich auf Großbritannien zu konzentrieren, und den Anspruch auf Abdeckung von Europa aufgab.

Divergenz als Zwangsläufigkeit

Lange bevor die Millionen von Flüchtlingen Veränderung in ein Europa brachten, das auf der Oberfläche immer noch über Integration räsoniert, entsteht etwas anders, nämlich Divergenz. Nur: War vollständige Konvergenz schon im „kleinen“ Europa unmöglich, wie kann man sich wundern, dass Konvergenz im „großen“ Europa nicht so richtig in die Gänge kommt?

Konvergenz und Divergenz sind Prozesse. Sie laufen über einen längeren Zeitverlauf und liefern entweder Angleichung (der Abstand wird kleiner) oder Auseinanderlaufen (der Abstand wird größer). Das hat natürlich nichts mit ‚Gemeinsamkeit‘ und ‚Unterschied‘ zu tun. Nimmt man das Fernsehen, so gab es am Anfang Konvergenz, aber seit Anfang der 1990er Jahre klare Divergenz, wo sich Fernsehanstalten national orientierten.

Für mich als Betriebswirt ist es interessant zu verstehen, was passiert, wo es also zu Konvergenz und Divergenz kommt. Es ist aber noch interessanter, sich zu überlegen, wo es Konvergenz und wo es Divergenz im Sinne von Leuchttürmen geben sollte. Konvergenz als Harmonisierung plus Standardisierungen ist gut bei Artikelnummern, Produktabmessungen und bei Abrechnungssystemen. Divergenz aber als strategischer Wettbewerbsvorteil ist wichtig bei Personalarbeit, Innovationsmanagement und Marketing. Wir brauchen also einen vereinheitlichten europäischen Warenverkehr. Aber ist die Konvergenz wirklich überall erstrebenswert? Oder wollen wir die damit eingehergehende kulturelle, wirtschaftliche, intellektuelle und sprachliche Nivellierung in Europa lieber nicht?

Von wenig echter Konvergenz zu ganz viel offener Divergenz

Irgendwie träum(t)en Angela Merkel, Jean Claude Juncker und Martin Schulz von einer „europäischen Lösung“, von irgendwie gleichverteilten Flüchtlingen, die sich irgendwie gleichmäßig in alle Länder integrieren, also fast schon als Konvergenzmultiplikatoren wirken.

Die gesamte Flüchtlingsentwicklung wurde dramatisch geprägt von exakt vier Ereignissen: Ungarn (ein Zaun, 17. Juni 2015), Deutschland (eine Willkommenskultur, 6. September 2015), Österreich (eine k&k-Konferenz am 24. Februar 2016) und Türkei (14. Juli 1683). Also vier Singularitäten.

Jetzt kann man noch Frankreich, Polen, England, Italien sowie Griechenland dazusetzen und es wird klar, dass überhaupt nichts mehr klar ist. Aus einer bipolaren Verhaltensweise in Europa ist etwas geworden, was es in der Psychologie nur in Grenzbereichen gibt: nämlich eine mehrdimensionale Verhaltensstörung.

Sie hat nur einen einzigen ganz kleinen gemeinsamen Nenner: Divergenz!

Fragen über Fragen

Was passiert, wenn Flüchtlinge gar nicht nach Europa wollen, sondern gezielt nach Großbritannien oder Deutschland? Für sie scheint die Vision Europa nicht handlungsleitend. Für sie zählen sprachliche Vorteile (Großbritannien), wirtschaftliche Vorteile (Deutschland) und Fußballmannschaften (nicht Österreich).

Was passiert, wenn immer mehr Menschen nach Europa kommen, in deren Köpfen das Konstrukt „Europa“ nicht vorkommt und die es auch in ihrem Handeln dementsprechend noch weniger berücksichtigen als die bisherigen Europäer? Ein kleines Forschungsprojekt aus dem Bereich „Fluchtraum Europa“ an meinem Lehrstuhl legt eine bedrohliche These nahe: In den Köpfen derjenigen, die über das Mittelmeer oder die Türkei zu uns kommen, gibt es den Begriff „Europa“ auch nicht einmal ansatzweise – genauso wenig wie es für sie irgendeinen Oberbegriff gibt, der Algerien, Syrien und Eritrea verbindet.

Was passiert, wenn sich europaweit Türken in imposanten Demonstrationen für die aktuelle Regierung in der Türkei aussprechen, die – so manche europäische Politiker – nicht unbedingt europäische Werte verkörpern? Falls es diese „europäischen Werte“ überhaupt gibt oder geben sollte?

Was passiert, wenn nur ganz wenige Länder in Europa Millionen Menschen aus dem Kulturraum von der Türkei über Afghanistan bis hin ins ganz tiefe Afrika aufnehmen, die meisten anderen Länder aber nicht? Verändern sich dann ausschließlich diese Aufnehmerländer? Und entfernen sich vom dem, was vielleicht als „europäisch“ galt? Wobei aber noch immer keiner weiß und auch eigentlich niemand mehr diskutieren möchte, was eigentlich „europäisch“ bedeutet?

Was passiert, wenn Flüchtlingsströme Kulturen verändern? Und könnte es nicht sein, dass das Zauberwort „Integration“ sich erneut als Nullnummer erweist? Wenn es (zum Glück) nicht gelungen ist, Deutsche und Franzosen auch nur ansatzweise ineinander zu integrieren, wie soll es gelingen, Iraker und Iren zu integrieren? Und ist das nicht in Teilen sogar positiv zu bewerten, wenn man der Logik folgt, wonach Divergenz und Diversität gut sind?

Also mehr „Nicht-Europäer“ als „Neu-Europäer“?

Manchmal wählt man zu Beginn eines Blogs einen Titel, der vielleicht nicht ganz richtig ist. So auch hier: Es hat den Anschein, als ob die Menschen, die zu uns kommen, definitiv keine „Neu-Europäer“ sind und wahrscheinlich auch keine werden (wollen).

Sind Engländer nach dem Brexit noch Europäer? Geografisch ja, kulturell vielleicht auch, aber darüberhinausgehend? Sind Engländer nach dem absurden Theater unserer hochbezahlten europäischen Politiker vielleicht sogar „Nicht-mehr-Europäer“?

Jetzt rächt es sich, dass viele von uns sich viel zu wenig mit Divergenz und Konvergenz in Europa beschäftigt haben: nicht die Politiker, für die es wahlkampfbezogen bessere Themen gibt, nicht die an einfachen Schlagzeilen interessierten Medien und auch nicht diejenigen Forscher, die leichter Geld und individuelle Perspektiven für andere Themen einsammeln können.

Damit bleibt für mich neben der echten und bald nicht mehr existierenden wissenschaftlichen Grundlagenforschung nur noch die Kunst als Hoffnungsträger, um sich diesem Thema zu nähern.

[*] Univ.-Prof. Dr. Christian Scholz (orga.uni-sb.de) wurde 1986 an die Universität des Saarlandes berufen und ist Gründungsdirektor des MBA-Programms im dortigen Europa-Institut. Er publiziert in wissenschaftlichen Zeitschriften, schreibt aber auch Kolumnen in Zeitungen und bloggt seit 2006 als „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“.

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