Topographien des Provisorischen

Amalia Barboza

Was werden wir werden? Eine genauere Prognose kann ich nicht geben. Aber auf jeden Fall lässt sich zeigen, dass wir uns alle in einem ständigen Prozess des Werdens befinden. Nicht nur Geflüchtete und MigrantInnen, sondern auch Einheimische und Langzeitansässige befinden sich seit ihrem Ankommen auf dieser Erde, seit ihrer Geburt, in einer Prozessualität. Alle Menschen versuchen in ihrem Leben diesem Werden eine Richtung zu geben.

Hanna Arendt wies in ihrem Buch „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ darauf hin, dass die Kraft des Neuankömmlings darin besteht, die Fähigkeit des Neubeginns zu haben. Eine Art „Natalität“, ein Neubeginn, der sich im tätigen Leben, im Arbeiten, Herstellen und Handeln äußert. Das Herstellen einer künstlichen Welt ist das, was Neuankömmlingen überall in der Welt das Gefühl gibt, „Bestand und Halt“ ihrem flüchtlingen Dasein entgegenstellen zu können.[1]

Eine Aufgabe der Kultur- und Sozialwissenschaft ist es, die verschiedenen Formen des Ankommens und des sich Einrichtens in dieser Welt zu untersuchen. Eine Form, die ich besonders interessant finde, ist das sich einrichten mit der Möglichkeit, im Werden zu bleiben. Es handelt sich um Einrichtungen, Räume, Utensilien und Requisiten, die dem Neuankömmling Halt an einem Ort geben, aber gleichzeitig das Weiterwandern ermöglichen. Ich möchte hier einen kurzen Einblick in solche Topographien des Provisorischen geben.[2]

Um an einem Ort anzukommen, braucht man als Neuankömmlinge im Prinzip nicht viel. Mit nur einem Teppich ist man in der Lage, einen Ort zu markieren und sich diesen anzueignen. Als ich vor zehn Jahren in Dresden Interviews mit AsylantInnen durchführte, bat ich darum, die wenigen Sachen, die sie aus ihren Heimatländern mitgenommen hatten, sehen zu dürfen. Oft waren unter diesen Teppiche. Eine Frau aus dem Libanon holte ihren mitgebrachten Teppich aus dem Schrank hervor, entrollte ihn, um mir das Abbild einer eingewebten Moschee aus ihrem Heimatland zu zeigen. Damit wurde mir bewusst, dass der Teppich nicht nur als Markierung in einem Raum, sondern auch als Bildträger für einen Ort, den man verlassen musste, eine wichtige Funktion erfüllt.

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Amalia Barboza, Videostill, 2005

Die Frau lebte in einem zentralen Stadtteil von Dresden, in einem Haus, in dem viele geflüchtete Familien beherbergt waren. Von außen war nicht erkennbar, dass hinter der Fassade Familien aus dem Libanon und aus dem ehemaligen Jugoslawien lebten. Nur im Inneren breiteten sich die Teppiche und andere Utensilien aus und mit diesen, Landschaften und Räume aus den Heimatländern.

Michel Foucault erwähnt in seinem Vortrag „Die Heterotopien“ auch den Teppich als einen heterotopischen Ort, der sich anderen etablierten Orten widersetzt.[3] Er bezieht sich nicht auf den Teppich als Objekt und gleichzeitigen Bildträger der verlassenen Heimat, sondern er nimmt Bezug auf den orientalischen Teppich, der mit der Funktion des Fliegens ausgestattet ist. Als könnte man mit diesem Gegenstand nicht nur einen Raum markieren, sondern auch Räume überwinden und Menschen von einem Ort zu einem anderen transportieren.

Der Teppich fungiert sowohl als Transportmittel als auch als Mobiliar des Ankommens. Wenn wir den Teppich als schnelle Markierung eines Ortes begreifen, wird deutlich, dass dieser Ort das Provisorische in sich enthält. Ein Ort, der sich schnell ausrollen und einrollen lässt. Ein Ort, an dem sich Kommen und Gehen vereinen, wie der Soziologe Georg Simmel die Figur des Fremden kennzeichnete. Der Fremde ist für Simmel nicht „der Wandernde, der heute kommt und morgen geht“, sondern der, „der heute kommt und morgen bleibt – sozusagen der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat.“[4]

Nicht nur MigrantInnen und Geflüchtete machen von dem Teppich als schnell aufrollbare und provisorische Ortsmarkierung Gebrauch, auch den EuropäerInnen ist die Faszination des Teppichs nicht entgangen. Walter Benjamin verwies auf die Neigung des Bürgertums, einen Teppich immer schräg im Zimmer zu platzieren, um die eigene Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Als könnte der Teppich und seine Platzierung den Eindruck vermitteln, dass man dem Raum seine eigene Individualität verliehen habe. Eine Individualität, die immer bereit ist, sich zu erneuern, indem der Teppich in eine andere Richtung gebracht wird. Als wäre der Teppich eine Instanz, die sowohl die Vielfalt von Kulturen ermöglicht als auch die Vielfalt von individuellen Orientierungen.

Es gibt noch viele andere Einrichtungen, die sowohl die Möglichkeit der Fixierung und gleichzeitig das Weiterwandern verkörpern. Die Fotografin und Kulturwissenschaftlerin Mimi Levy Lipis hat das Phänomen der Sukkah bei jüdischen MigrantInnen untersucht.[5]

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Mimi Levy Lipis, 2010

Es handelt sich um eine Laubhütte aus provisorischen Materialien wie Ästen, Zweigen, Laub und Stroh, die in Erinnerung an die Zeit der Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten auf Balkonen oder freien Plätzen gebaut wird. Diese Sukkahs werden einmal im Jahr errichtet, um das siebentägige Laubhüttenfest zu feiern. In dieser Zeit wird in der Sukkah auch gewohnt. Eine Zeit, in der das Gefühl des Provisorischen, Selbstgebauten, in einer sesshaften Umgebung inszeniert wird.

Neben diesen mobilen Einrichtungen und provisorischen Architekturen finden wir im Haushalt von MigrantInnen oft Objekte, welche das Weiterwandern symbolisieren. Ein Restaurantbesitzer, der in der Stadt Saarbrücken seit 20 Jahren lebt und aus der Türkei flüchten musste, zeigte mir während eines Interviews eine Sammlung von VW-Bus-Modellen. Viele Ecken seines Restaurants waren mit Teilen seiner Sammlung bestückt. Ein anderer Teil der Sammlung befand sich in seiner Wohnung. Im Gespräch erzählte er, dass er nicht in die Türkei einreisen darf, aber schon lange davon träumt, eine Reise mit einem VW-Bus dahin machen zu können. Eine Sammlung von VW-Bussen markiert an einem Ort die Potentialität des Weiterreisen-Könnens und schafft damit eine Form, die Unmöglichkeit dieses Reisevorhabens zu überwinden.

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 Amalia Barboza, 2015

Ich befinde mich auf der Suche nach weiteren Utensilien und Requisiten einer Topographie des Provisorischen. Falls Sie mir solche Gegenstände und Einrichtungen aus ihrem Haushalt mitteilen könnten, würde ich mich freuen. Sie können ein Foto und einen Kommentar an meine E-Mail-Adresse schicken: a.barboza@mx.uni-saarland.de

PS: Das bekannteste „wandernde Volk“ in Europa ist außer den Sinti und Roma der Zirkus. Das Zelt wird aufgebaut und verweilt einige Wochen, manchmal Monate an einem Ort, bis es dann wieder weiter geht. Um den Zirkus herum sind nicht nur die Zirkusgäste zu sehen, sondern auch einige neugierige Einheimische, die sich manchmal in dieser Zeit mit den ZirkusbewohnerInnen anfreunden und zuweilen auch überlegen, mitzuziehen. Der Zirkus strahlt seine Anziehungskraft auf viele Ansässige aus. Nicht nur wegen der Zauberei, der Musik und dem Zusammenleben mit den Tieren, sondern auch wegen dieser Möglichkeit, ständig in Bewegung sein zu können. Im Zirkus finden wir alle Utensilien und Requisiten einer Topographie des Provisorischen.

[1] Hanna Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, Frankfurt am Main 1967, S. 18.

[2] Dieser Blog-Beitrag ist Teil eines Textes, der in dem Buch Räume des Ankommens. Topographische Perspektiven auf Migration und Flucht erschienen ist: Amalia Barboza, „¿Cuando llegaré? Topographien des Ankommens“. In: Amalia Barboza, Stefanie Eberding, Ulrich Pantle, Georg Winter (Hg.), Räume des Ankommens. Topographische Perspektiven auf Migration und Flucht, Bielefeld 2016, S. 123-136.

[3] Michel Foucault, Die Heterotopien. Der utopische Körper, Frankfurt am Main 2005, S. 15.

[4] Georg Simmel, Soziologie – Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin 1908, S. 509.

[5] Mimi Levy Lipis, Home is anywhere. Jewish culture and the architecture of the Sukkah, Köln 2010.

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