„Was werden/wollen wir werden? Mögliche Antworten aus der Europaforschung der Universität des Saarlandes“

Jun.-Prof. Dr. Christoph Vatter (Roman. Kulturwissenschaft & Interkulturelle Kommunikation) & Anne Rennig (Europa-Kolleg CEUS)

„Fluchtraum Europa“ – diesem Thema widmet sich seit Ende 2015 eine Arbeitsgruppe im Europa-Kolleg CEUS der Universität des Saarlandes. Ihre Forschungsarbeit knüpft an aktuelle Fragen, die aus der ‚Flüchtlingskrise‘ resultieren, an und will durch fachübergreifende Perspektivierungen Denkanstöße geben und Reflexionsräume öffnen – auch für die Frage „Was werden wir werden?“, dem zentralen Thema der ‚Denkraumwochen‘, an denen sich die interdisziplinäre AG „Fluchtraum Europa“ mit sechs Blog-Beiträgen beteiligt.

Was kann die Forschung leisten?

Angesichts von Flucht und Terror rückt die Welt – bzw. Teile davon – einerseits weiter zusammen, andererseits scheint sie auch immer weiter auseinanderzudriften. Kulturelle, religiöse oder politische Gegensätze stehen sich scheinbar unversöhnlich gegenüber, sodass Unsicherheit und Angst gegen Solidarität und Gemeinschaft stehen. In der Politik ist in dieser Situation der Konvergenzen und Divergenzen meist Pragmatismus gefordert. Machbare, ethische, schnelle Lösungen müssen für Krisen gefunden werden. Es ist die Aufgabe der Wissenschaft, diese Lösungen kritisch zu begleiten, sie zu hinterfragen und ggf. auch zu stützen. Dabei stehen natürlich nicht nur Ergebnisse, also Handlungsempfehlungen und pragmatische ‚Lösungen‘, im Vordergrund, sondern auch die Analyse von Ursachen und Zusammenhängen sowie die Antizipation möglicher künftiger Problemstellungen. Während also Politiker*innen dafür sorgen müssen, eintreffende Flüchtlinge erstzuversorgen, Wohnraum zu schaffen und Personaldokumente auszustellen, fragen Wissenschaftler*innen an der Universität z. B. danach, wie sich die Zuwanderung auf die Ökonomie auswirkt, welche juristischen Konsequenzen zu erwarten sind, wie sich die Gesellschaft langfristig verändern wird und welche kulturellen/religiösen/sprachlichen Wechselwirkungen eintreten (können). Auch der Blick in die Vergangenheit und die Analyse künstlerischer Darstellungen und Kommentarformen lohnen sich, um Orientierung in aktuellen Entwicklungen zu geben und gesellschaftliche Prozesse zu reflektieren.

Der Schwerpunkt der Arbeit der AG „Fluchtraum Europa“ am Europa-Kolleg der Universität des Saarlandes liegt auf der Frage nach europaspezifischen Faktoren und Lösungen. Was zeichnet Europa als Fluchtziel aus? Welche Fluchtbewegungen gab und gibt es in oder aus Europa? Welche Vergleichsebenen erweisen sich als konstruktiv? Welche spezifischen Lösungen/Einschränkungen bietet das Europarecht? Welche Verantwortung trägt die Europäische Union als Staatenverbund, und wo liegen ihre Grenzen? Wie wird das Thema Flucht ästhetisch in europäischer Literatur, Film und Theater umgesetzt – und wie blickt man von außen auf Europa? Wie kann sprachliche und kulturelle Integration in Europa gelingen? Welche Rolle spielt Europa in den Identitätskonstruktionen der Menschen?

Diesen und anderen Fragen sieht sich die Europaforschung gegenüber. Wie drängend diese Analysen sind, zeigen die zahlreichen Förderprogramme, die bei der EU und anderen Institutionen zusätzlich aufgelegt wurden.

„Fluchtraum Europa“

Das Forschungsprojekt „Fluchtraum Europa“ vereint vor allem Fragestellungen aus den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sowie den Geisteswissenschaften, seit jeher die Hauptvertreter des Europa-Schwerpunkts der Universität des Saarlandes. Von Ende Oktober 2016 bis Februar 2017 werden einige dieser Fragestellungen durch eine Ringvorlesung im Festsaal des Saarbrücker Rathauses (montags, 19 Uhr, ab 31.10.2016, Programm unter www.uni-saarland.de/ceus) in die interessierte Öffentlichkeit getragen und mit ihr diskutiert. Mit dabei sind Historiker, Literatur- und Kulturwissenschaftler, Sprachwissenschaftler und Juristen, Ökonomen und Ethnologen. Bereits am 24. Oktober spricht der renommierte französische Forscher Alexis Nouss (20 Uhr, Villa Europa, Kohlweg 7) auf Einladung des Institut français zum Thema. Begleitend zur Ringvorlesung zeigt die Stadt Saarbrücken eine Ausstellung des Vereins „Courage gegen Fremdenhass e. V.“ zum Thema „Jenseits von Lampedusa – Willkommen in Kalabrien“ im Hauberrisser Saal des Rathauses St. Johann.

Blog-Beiträge aus der Europaforschung der Universität des Saarlandes

Im Blog zu den „Denkraumwochen“ werden einige Themen aus der Europaforschung skizziert, um die Veranstaltung wissenschaftlich zu begleiten und den Leser*innen einen Eindruck dessen zu vermitteln, womit sich Forschung zum Thema beschäftigen kann. Dabei geht es weniger darum, konkrete Antworten auf die Frage „Wie werden wir werden?“ zu geben, sondern vielmehr mit Perspektivierungen und Diskussionsanregungen zur aktiven Gestaltung beizutragen. „Wie wollen wir leben?“ – diese Frage steht vielmehr auf dem Spiel.[1]

So stellt Prof. Christian Scholz (Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation, Personal- und Informationsmanagement) in seinem Beitrag „Neu-Europäer: Zwischen Divergenz und Konvergenz“ die These auf, dass Konvergenz in Europa – also das Streben nach größtmöglicher Einheitlichkeit und Harmonisierung – im kulturellen/gesellschaftlichen Bereich nicht machbar und auch nicht wünschenswert ist. Darüber hinaus hat er in Gesprächen mit Flüchtlingen erfahren, dass ‚Europa‘ wider Erwarten keine Denkkategorie für die Flüchtenden ist.

Jun-Prof. Amalia Barboza (Theorien der Kulturwissenschaft) untersucht in ihrem Beitrag „Topographien des Provisorischen“ Objekte, die einen Raum provisorisch als Heimat markieren können oder auch das Weiterwandern, das Nicht-Beheimatetsein oder die Möglichkeit einer Rückkehr versinnbildlichen. Ein Beispiel hierfür ist der Teppich, oftmals Bestandteil der wenigen Habseligkeiten von Flüchtlingen, der, gut verstaubar und schnell ausgerollt, ein Stück Heimat mit in die Fremde transportiert, dies oft auch als Träger vertrauter Bilder. Sie kontrastiert dies im Sinne Walter Benjamins mit der weiteren Bedeutung des Teppichs als raumstrukturierende Ausdrucksform von (europäischer) Individualität.

Prof. Astrid Fellner und Eva Nossem (Amerikanistik) problematisieren im Beitrag „Queers-of-Color-Identitäten auf der Flucht“ die Situation lesbischer, schwuler, bisexueller, trans*, inter* und queerer Menschen, die in Europa Asyl suchen. Sie sehen sich sehr oft Vorurteilen und Unverständnis gegenüber und haben auch aufgrund unzureichender Gesetzeslagen Schwierigkeiten, ihre Schutzbedürftigkeit nachzuweisen. Auch in der Kommunikation (z. B. in verdolmetschten Beratungssituationen) entstehen Missverständnisse, die u. a. auf sprachlich-kulturell unterschiedlichen Begrifflichkeiten und Konzepten von Sexualität und Geschlechtsidentität beruhen. Die Autorinnen fordern, die Lebenssituation verfolgter LBGTIQ-Menschen generell mehr ins Bewusstsein zu bringen und „Phänomene von Migration, Ethnizität und Sexualität dringend intersektional zusammen“ zu denken, wie es im „Queer-of-Color“-Diskurs in den USA bereits seit Längerem praktiziert wird.

Prof. Stefanie Haberzettl und Benedikt Kramp (Deutsch als Fremd- und Zweitsprache) widmen sich in ihrem Beitrag „Ankommen in einer neuen Sprache“ auf Basis von Interviews mit syrischen Geflüchteten der Situation im Saarland und fragen nach ihren Hoffnungen und Wünschen, aber auch ihren Befürchtungen. Mangelnde Sprachkenntnisse stellen bei der ersten Kontaktaufnahme mit Deutschen und bei dem Versuch, sich zu integrieren und teilzuhaben, die größte Hürde dar. Noch dazu wurde die große Akzeptanz, die sich zunächst in der Bevölkerung zu einer Art „Willkommenskultur“ stilisiert hatte, u. a. durch die Ereignisse der Silvesternacht 2015 erschüttert (siehe hierzu auch den folgenden Kommentar von Prof. Scherzberg). Wie also kann Deutsch von einer Fremdsprache zur Zweitsprache werden und Integration gelingen?

Prof. Lucia Scherzberg (Katholische Theologie) beschäftigt sich in ihrem „Kommentar zu den Silvestervorfällen aus der Perspektive der Genderforschung“ mit den öffentlichen Reaktionen nach den Ereignissen der Silvesternacht 2015. Nach den massenhaften sexuellen Übergriffen gegen Frauen in dieser Nacht meldeten sich manche zu Wort, die bislang nicht durch einen besonderen Einsatz für die Rechte von Frauen aufgefallen waren. An einem ausgewählten Beispiel zeigt sie, dass die Darstellung von Opfern und Tätern, entgegen dem Anschein, weniger auf den Schutz der Rechte der betroffenen Frauen abzielt als vielmehr fremdenfeindlichen Einstellungen Ausdruck verleihen kann. Die Präsentation der Frau als Opfer meint dann nicht die individuelle Frau, sondern symbolisiert die Deutschen als (feminisiertes) Kollektiv, das von außen bedroht wird.

[1] Vgl. den von Matthias Jügler herausgegebenen Band Wie wir leben wollen: Texte für Solidarität und Freiheit (Suhrkamp, 2016), in dem junge Autor*innen mit Bezug auf verschiedene Länder nach Heimat, Fremde und Identitäten fragen.

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