AUFTAKT: FRAGEN FINDEN. EIN ANFANG.

Eine offene Frage zur gemeinsamen Zukunft kann viele Antworten, gegebenenfalls auch weitere Fragen hervorbringen. WWWW will sie hören. Und das Programm damit gebührend begehen. Vorgestellt wird letzteres natürlich auch. Aber Impulsgast dieses Abends ist: das Fragezeichen.
PRELUDE:
FINDING QUESTIONS. A START
Open stimuli on our common future
An open question about our common future may yield many answers, or elicit even more questions as the case may be. What We Will Become wants to hear them. And to approach the program accordingly. Of course the latter will be presented as well. But the special guest this evening is: the question mark.

FRAGEN-OUTPUT:

Wie werden wir ein gleichberechtigtes Miteinander finden zwischen Männern und Frauen?
Wie werden sich die Männer vor den Frauen retten?
Können wir der deutschen Gesellschaft mehr über die syrische Kultur vermitteln? Und wie?
Was geht den Deutschen durch den Kopf, wenn sie „Syrien“ hören?
Wie schaffen wir Begegnungen zwischen jungen Menschen ohne Angst, aber mit Wissen um die jeweiligen Kulturleistungen?
Warum trauen wir uns nicht zu fragen?
Sind wir so verschieden?
Warum muss ein studierter Arzt hier Straßenfeger sein?
Gibt es einen organisierten Plan zur beruflichen Integration hochausgebildeter Geflohener?
Interessieren die Deutschen sich für die Kultur der „Herkunftsländer“?
Wie und wo können wir die gemeinsamen Wurzeln der christlichen, muslimischen und jüdischen Religion herausarbeiten, um das Gemeinsame und nicht das Angst- Machende, Trennende herauszufinden?
Wie können wir die Türe (die Balkanroute oder andere Wege) wieder für Flüchtlinge öffnen?
Wie lange werden wir als „Flüchtlinge“ bezeichnet?
Inwieweit ist die Deutsche Gesellschaft bereit sich mit uns zu integrieren?
Warum glauben die Deutschen, dass „die Syrer“ ein Problem mit dem Zusammensein zwischen den Religionen haben?
Wie bringen wir mehr Humor in die Debatte?
Wieso trinken Syrer Mate—Tee?
Was muss sich in der globalen Gesellschaft ändern, um Zeit zu haben, sich miteinander zu befassen?
Muss man sich für einander interessieren?
Rückt die Gesellschaft nach rechts? Behält Herr Seehofer recht?
Was können wir den Deutschen zurückgeben, was sie für uns getan haben?
Gibt es ein Mittel gegen die Angst?
Welche Denkstrukturen, die die Flüchtlinge mitgebracht haben, sind sie bereit abzulegen?
Warum generieren wir in Europa den Großteil der Islamistischen Krieger für den Nahen Osten?
Wer sind wir?
Wer sind die?
Ohne Pass oder Sprache – wie könnte man Deutsche und Syrer unterscheiden?
Wie können wir allen die Ängste vor den Flüchtlingen nehmen?
Wie komme ich zu einem differenzierten Blick? Wie kann ich verstehen?
Ist die säkulare Gesellschaft alternativlos? Ist sie diskutabel?
Wozu wollen, wozu sollen wir helfen? Zum Bleiben? Zur Rückkehr?
Worauf können wir uns verlassen?

الذاكرة مدينة لا تنام
…die Erinnerung ist eine Stadt die nicht schläft

schwarabia  Import-Export

Im Frühjahr 2016 erweiterte sich die Brigade Partisan Heslach um die Performance-Praktikanten Mouaz Al Khawam und Muhanad Aljassm. Zusammen mit Rupert Maier und Georg Winter renovieren die Brigadisten eine Wohnung. Die Arbeit ist ein Austausch zum Selbstverständnis der Arbeit in Syrien und in Deutschland. Wie arbeiten wir? Wer arbeitet zusammen? Wie unterscheiden sich handwerkliche und technische Vorgänge? Wie lernen wir bei der Arbeit die deutsche beziehungsweise die arabische Sprache? Was heißt gemeinsam arbeiten? Wie sind die Arbeitsbedingungen? Wie arbeiten wir an der Zukunftsperspektive eine Ausbildung zu machen und gute Arbeit zu bekommen? Was nehmen wir selbst in die Hand?

Die Auftraggeber tauschen Arbeit gegen Kaffee, einen Schrank, einen Kühlschrank oder etwas anderes. Erfreut und ermutigt durch das gemeinsame Performance-Praktikum beschließen wir nach den Räumen auch an der Einrichtung zu arbeiten. Aus dem Arabischen kommt der Satz: „Die Erinnerung ist eine Stadt die nicht schläft.“ Während in Syrien Häuser und Einrichtungen zerstört, die Lebensgrundlagen durch Krieg entzogen werden, soll hier renoviert werden und ein gemeinsamer Lebensweg gefunden werden. Die Situationen sind für alle Beteiligten widersprüchlich, Trauer und Hoffnung sind dicht beieinander. Wir träumen von neuen gemeinsamen Wohnmodellen. Das sich Einrichten in einer Gesellschaft ist konstruiert und konstruktiv. Wir planen ein Regal: Wohnmodell 1. Das Regal ist als Arbeitsmodell Teil einer Performance. Performance des gemeinsamen Herstellens einer Form aus „Hyle“ dem Material des Tekton (griech.:Tischler), dem Holz. Die Idee des Wohnens soll als Regal-Architekturmodell entstehen, gleichzeitig ist das Regal, Aufbewahrungsort der Erinnerungen. In einem Prototyp liegt der Reclam-Band: „Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt“ von Abu Nasr Al-Farabi (870-950). Aus 10 mehrschichtig verleimten 270cm auf 20cm Holzbrettern entstehen zehn Regale die es Wert sind getauscht zu werden. SchwArabia – Import / Export könnte das Praktikum für die Gründung eines Design Labels sein, dessen Utopie das gemeinsame Arbeiten und Gestalten syrischer und schwäbischer Brigadistinnen und Brigadisten ist.

Frieden wäre die Grundlage des Erfolgs.

Kontakt: schwarabia@gmail.com

 

Kommentar zu den Silvestervorfällen aus der Perspektive der Genderforschung

Nach den massenhaften sexuellen Übergriffen gegen Frauen in der Silvesternacht 2015, vor allem in Köln, wurden viele Stimmen laut, die forderten, dass „unsere Frauen“ vor solchen Horden „arabischstämmiger“ oder „muslimischer Männer“ beschützt werden müssten. Wäre das Problem nicht so ernst, hätte man darüber lächeln können, wie nun konservativ-christliche Kreise ganz gegen ihre sonstige Einstellung das Recht der Frauen auf freizügige Kleidung verteidigten oder selbsternannte Feministen das Selbstbestimmungsrecht der Frauen im Munde führten. Ganz so, als seien in Deutschland sexuelle Gewalt und Übergriffigkeit gegen Frauen und Mädchen erst mit den Flüchtlingen oder der Zuwanderung von Muslimen gekommen (vgl. dazu auch die jüngsten Äußerungen der ehemaligen Bundesfamilienministerin).

Dass die „Nein heißt Nein“- Initiative nun erfolgreich zu einer Reform des Strafrechts geführt hat, begrüße ich. Bisher wurde eine Vergewaltigung nur bei Anwendung oder Androhung von Gewalt bestraft, und nicht, wenn die sexuelle Handlung nur verbal abgelehnt wurde. Aus diesem Grund wurde auch nur für eine geringe Zahl der angezeigten Taten (8%) eine Verurteilung ausgesprochen. Man muss nur die Sammlung der Fälle anschauen, mit denen die Initiative ihre Forderung nach Gesetzesänderung untermauerte, um zu erkennen, dass sexuelle Gewalt ein Problem in allen Bevölkerungsschichten und –gruppen der deutschen Gesellschaft ist.

Spricht man also von „unseren Frauen“, die vor den Männern der „Anderen“ beschützt werden sollen, geht es weniger um die Frauen und ihre Rechte, als um eine Abgrenzung der eigenen Gruppe oder des eigenen Volkes gegenüber den „Fremden“, den „Flüchtlingen“, den „Zuwanderern“, den „Dunkelhäutigen“, den „Muslimen“. Das deutsche Volk wird als weibliches Kollektiv symbolisiert, um seine vermeintliche Schutzbedürftigkeit vor einer Aggression von außen zu zeigen. Es wird also ein diffuses Gefühl der Unsicherheit ausgedrückt, das für Fremdenfeindlichkeit instrumentalisiert werden kann.

Ein bekanntes deutsches Magazin trat in den ersten Tagen des Neuen Jahres 2016 mit einem Titelblatt an die Öffentlichkeit, das meines Erachtens genau diese kollektive Feminisierung des deutschen Volkes als Ausdruck eines Gefühls der Bedrohung zeigt. Meine persönliche Auffassung ist, dass damit auch eine Instrumentalisierung dieses Gefühls beabsichtigt worden ist.

Was ist auf dem Cover zu sehen? – eine nackte junge, weiße und schlanke Frau mit halblangen hellen Haaren. Ihr Kopf ist halb verdeckt, sodass man die Augen nicht sehen kann. Blickt man ihr ins Gesicht, schaut man auf die vollen, leicht geöffneten Lippen; sie verdeckt mit dem linken Arm ihren Busen, mit der rechten Hand ihre Vulva. Das Bild arbeitet also mit einer Erotisierung. Über den Busen ist ein roter Balken gelegt mit der Aufschrift „Frauen klagen an“. Der sehr hellhäutige Körper der Frau ist übersät mit riesigen schwarzen Handabdrücken. Die Handabdrücke sind so angeordnet, dass man geradezu „sieht“, wie die Hände von hinten auf die Schulter der Frau gelegt oder die Arme umklammert werden. Besonders große schwarze Hand-Abdrücke sind auf dem Bauch und der Hüfte platziert. Unter dem dicken roten Balken ziehen sich noch zwei schmalere leicht diagonal über den Körper der Frau, ohne allerdings die Genitalien zu verdecken. Auf dem oberen steht: „Nach den Sex-Attacken von Migranten:“, auf dem unteren: „Sind wir noch tolerant oder schon blind?“

Nach der Veröffentlichung wurde kontrovers diskutiert, ob diese Darstellung rassistisch sei. Meiner Ansicht nach gibt es gute Argumente, sie für rassistisch und sexistisch zu halten. Denn es geht um die Abgrenzung der „Deutschen“ gegenüber den „Migranten“, wobei die Deutschen als weiß und die Migranten als „schwarz“= dunkelhäutig vorgestellt, also einer Ethnie oder gar „Rasse“ zugeordnet werden. Die Frau ist keine individuelle Frau mit persönlichen Rechten, sondern das Symbol für ein Kollektiv. Durch die erotisierte und entindividualisierte Darstellung wird der Betrachter darüber hinaus in eine voyeuristische Perspektive gedrängt, nicht in eine einfühlende. Sie wird also als Objekt präsentiert.

Sexismus mit Sexismus zu bekämpfen, ist keine gute Idee. Den Einsatz für Menschenrechte zum Anlass für fremdenfeindliche Parolen zu nutzen, geschehe dies mehr unbewusst oder mit Absicht, ist weder sinnvoll noch legitim. Denn Menschenrechte sind nicht teilbar; sie können nicht nur für die eigene Gruppe eingefordert werden.

Prof. Dr. Lucia Scherzberg (Katholische Theologie)

 

Queers of Color-Identitäten auf der Flucht

Astrid M. Fellner und Eva Nossem

Menschen sind aus unterschiedlichen Gründen auf der Flucht. Rassismus und Diskriminierung aufgrund ethnischer Zugehörigkeit sind einer der Gründe, Diskriminierung und/oder Gewalt aufgrund der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität ein anderer. In der derzeitigen Debatte um Zuwanderung und Securitization von Migration in Europa erfährt die Problematik, die sich vielen Migrant_innen und Communities of Color stellt, jedoch wenig Aufmerksamkeit. Tatsächlich beantragen aber jedes Jahr eine Reihe von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*, inter* und queeren Menschen Asyl in Europa und sind dabei gezwungen, einen Grund für ihre Flucht anzugeben und ihre sexuelle Orientierung beweisen zu müssen.

Artikel 1 der Genfer Flüchtlingskonvention definiert einen Flüchtling als eine Person, “die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung hat und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Furcht vor Verfolgung nicht dorthin zurückkehren kann”.[1] Auffällig ist, dass in der Auflistung der einzelnen Identitätskategorien Geschlecht und sexuelle Orientierung fehlen, sodass Flüchtlingen gezwungen sind, ihre Zugehörigkeit “zu einer bestimmten sozialen Gruppe” nachzuweisen. Verfolgungsgründe werden generell oft angezweifelt; die persönliche und psychische Belastung queerer Menschen, die ihre Verfolgungsgründe belegen müssen, stellt sich jedoch als besonders akut dar. So muss beispielsweise oft ein Beweis erbracht werden, inwiefern die betreffende Person einer verfolgten Minderheit angehört und warum sie besonders schutzbedürftig ist. Erschwerend kommt hinzu, dass in den Asylverfahren homosexuellen Flüchtlingen häufig die Schutzbedürftigkeit mit dem Argument abgesprochen wird, sie könnten Unterdrückung und Verfolgung in ihrer Heimat vermeiden, indem sie ihre sexuelle Orientierung und/oder Identität versteckt hielten. Über sexuelle Identität sprechen zu müssen stellt für viele Menschen generell eine große Herausforderung dar. Diese Schwierigkeiten betreffen hierbei nicht nur die queeren Asylsuchenden selbst, sondern auch die in die Asylverfahren involvierten Dolmetscher_innen, die sich teilweise dem komplexen Thema nicht gewachsen sind und keine angemessene Unterstützung bieten können, wodurch der Brückenschlag/die Kommunikation über sprachliche und kulturelle Grenzen misslingt.

Sprachliche Probleme beginnen bereits mit der Frage nach der Bezeichnung von Flüchtlingen, die aufgrund ihrer Sexualität oder Geschlechtsidentität geflohen sind. Die UNHCR verwendet übergreifend das Kürzel LGBTI, also Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Intersex; ihre Partnerorganisation ORAM (Organization for Refuge, Asylum & Migration) variiert zwischen LGBTI und LGBT. Sie haben sich eingehend mit der Thematik der Bezeichnungen, der verknüpften sprachlichen Tabus und dem Problem der häufig verwendeten pejorativen und beleidigenden Bezeichnungen auseinandergesetzt und haben 2016 ein fünfsprachiges Glossar in Arabisch, Englisch, Farsi, Französisch und Türkisch herausgegeben, das Beteiligte in Asylverfahren unterstützen soll.[2] Dieses Glossar wurde mehrsprachig konzipiert, um den verschiedenen sprachlich-kulturellen Hintergründen Rechnung zu tragen und keine Perspektive zu favorisieren. Dennoch vermag auch dieses Glossar keineswegs alle terminologischen Fragen zu beantworten. So gibt es beispielsweise eine Reihe von Bezeichnungen, für die in einer bestimmten Zielsprache kein Äquivalent gefunden werden konnte, und andere, deren zielsprachliches Äquivalent nur einen kleinen Teil des ausgangssprachlichen Bedeutungsspektrums widerspiegelt. Trotz der expliziten Bemühungen zeigt sich immer wieder die Dominanz der englischsprachig-westlichen Perspektive, die einen Großteil der Bezeichnungen liefert bzw. beeinflusst, was zu einer Assimilierung nicht-westlicher Konzepte sexueller Orientierung und Identität führt. Aus diesem Grund zieht die ORAM selbst häufig die Möglichkeit vor, von ‚SGN‘-Personen, also ‚sexually and gender non-conforming persons‘ zu sprechen. Versuche wie die genannten seitens der ORAM, verschiedenen sprachlich und kulturell bedingte sexuelle Orientierungen und Identitäten Rechnung zu tragen, stehen der täglichen Praxis der Asylverfahren der Ankunftsländer entgegen, wo von den ankommenden Asylsuchenden eine sprachlich-terminologische und kulturelle Einordnung und Assimilierung in das nationale/westliche System des Ankunftslandes eingefordert wird. Gerade durch die vorgegebene Terminologie entsteht zudem die Illusion, es handele sich bei ‚LGBTI‘ um fixe Kategorien mit universeller Gültigkeit bzw. Anwendbarkeit, die zudem klar voneinander abgrenzbar seien. Vor allem dieses Problem der angenommenen eindeutigen Definition und Abgrenzbarkeit führt in zahlreichen Fällen zur Ablehnung der Asylanträge, beispielsweise bei bisexuellen Asylsuchenden oder bei Personen, die als Grund für ihre Schutzbedürftigkeit ‚Homosexualität‘ angeben, in ihrem Herkunftsland allerdings in einer heterosexuellen Ehe leben. Die Probleme liegen also einerseits sowohl in der Nichtentsprechung sprachlicher und kultureller Konzepte bzgl. sexueller Orientierung und Identität und in dem mangelnden Bewusstsein diesbezüglich auf Seiten der aufnehmenden Institutionen, als auch allgemein in dem lückenhaften und sehr punktuellen Wissen um nicht konforme Geschlechter und Orientierungen.

Vielleicht muss man auch bedenken, dass die Tatsache, dass es überhaupt LGBTIQ Personen gibt, die durch ihre Nicht-Konformität zur Flucht gezwungen sind, bei vielen noch nicht im Bewusstsein angekommen ist. Es ist daher wichtig zu betonen, dass die Phänomene von Migration, Ethnizität und Sexualität dringend intersektional zusammen gedacht werden müssen. Im akademischen Umfeld, besonders in den USA, hat sich die sogenannte Queer of Color und insbesondere die Queer Diaspora Kritik entwickelt, die jedoch im europäischen Kontext noch relativ wenig Beachtung gefunden hat.[3]

Die meisten Queer of Color-Interventionen knüpfen an Schwarze bzw. Latina Intersektionalitätsvorstellungen an und gehen auf den U.S.-amerikanischen Women of Color-Feminismus in den 80er Jahren zurück, der auf die Pluralität von Identität aufmerksam machte. Die Publikation von This Bridge Called My Back. Writings by Radical Women of Color (1981) sowie das Buch All the Blacks Are Men, All the Women Are White, But Some of Us Are Brave (1982)[4] waren bahnbrechend, da sie die verschiedenen Formen der Unterdrückung, die Gleichzeitigkeit und gegenseitige Verstärkung von ‚Geschlecht’, ‚Rasse’, ‚Sexualität’ und ‚Klasse’ sowie Fragen wie Immigration, Migration, Globalisierung und soziale Probleme zusammen betrachteten.

Unter dem Einfluss von Postcolonial, Critical Race, und Critical Whiteness Studies haben sich dann in der Folge eine Reihe von theoretischen Denkansätzen entwickelt, die intersektional vorgehen. Roderick A. Ferguson, eine der bekanntesten rezenten Stimmen, hat dabei maßgeblich den Diskurs der Queer of Color Kritik beeinflusst und betont, dass Intersektionen multiple Vielschichtigkeiten darstellen[5]. Ein wesentliches Konzept, das in der Queer of Color-Kritik angeführt wird und das in den derzeitigen Debatten mitgedacht werden sollte, ist das von „Homonationalismus“ (Puar 2007). Homonationalismus kritisiert die unreflektierte Positionen und die Verbindung von LGBTIQ Rechten mit nationalistischen Diskursen in queeren Communities und zielt darauf ab, die zunehmende Akzeptanz von LGBTIQ Rechten in westlichen Staaten als Form einer Zivilisationsüberlegenheit gegenüber angeblich weniger aufgeklärten, insbesondere muslimischen Gesellschaften, zu erklären. Puar nennt diese Haltung eine Form „sexuellen Exzeptionalismus‘“, der sich im Diskurs der „Islamophobie“ manifestiert.[6] Und tatsächlich ist in Europa eine Verurteilung des Islam als homophob fast täglich in den Medien zu beobachten. Vorstellungen von „homophoben Migranten” und einem „frauenfeindlichen Islam” stehen dabei im Vordergrund der öffentlichen Debatte. Aber nicht nur im akademischen Bereich sondern auch verstärkt in Aktivist_innenkreisen sind Bemühungen zu verzeichnen, die sich von Formen von Homonationalismus abzugrenzen versuchen und sich gegen die Vereinnahmung durch rechtpopulistische Stimmen einsetzen. Beispielhaft sei an dieser Stelle das gerade veröffentlichte „Berliner Manifest“[7] genannt, das sich „gegen die Instrumentalisierung sexueller Minderheiten durch Rechtspopulist_innen“ richtet und „für eine offene Gesellschaft der Vielfalt und des Respekts“ eintritt. Diese Initiative sendet wichtige Impulse für eine solidarische Gesellschaft, die sich gegen jegliche Formen von Diskriminierung einsetzt.

 

 

[1] http://www.unhcr.de/questions-und-answers/fluechtling.html

[2] http://oramrefugee.org/wp-content/uploads/2016/04/Glossary-PDF.pdf

[3] In diesem Kontext sind die Arbeiten von Fatima El-Tayeb zu erwähnen, vor allem ihr Rassismusbegriff und ihre Untersuchungen zur Ausgrenzung rassifizierter Bevölkerungsgruppen wie etwa „europäischer Communitys of Color“ (7). Siehe: Fatima El-Tayeb: Anders Europäisch. Rassismus, Identität und Widerstand im vereinten Europa. Unrast Verlag, Münster, 2015.

[4] Cherríe Moraga/Gloria Anzaldúa (Hrsg.): This Bridge Called My Back. Writings by Radical Women of Color, San Francisco: Spinsters/Aunt Lute, 1987; Gloria T. Hull/Patricia Bell Scott/Barbara Smith (Hrsg.): All the Women Are White, All the Blacks Are Men, But Some of Us Are Brave: Black Women’s Studies, Old Westbury NY: The Feminist Press, 1982.

[5] Roderick A. Ferguson: Aberrations in Black. Toward a Queer of Color Critique, Minneapolis 2004.

[6] Jasbir K. Puar: Terrorist Assemblages. Homonationalism in Queer Times. Durham: Duke University Press, 2007.

[7] http://www.berliner-manifest.de/; Veröffentlichung: 01. September 2016.

Keine Zukunft ohne Wissen um uns selbst

„Löst die Erinnerungen des gleichen Schicksals ǀ Nicht ein verschloßnes Herz zum Mitleid auf?“
[Goethe: Iphigenie auf Tauris, 1787, V. 1843-44]

Vielleicht stimmt es, dass sich im vergangenen Jahr, wie häufig empfunden wird, Deutschland, das Land, in dem wir leben, und ebenso Europa erheblich verändert haben. Vielleicht stimmt es, dass die Attentate, die Ankunft hilfesuchender Flüchtender in ungewöhnlich großer Zahl, dass der Krieg in Syrien und im Irak, dass die Existenz des sogenannten Islamischen Staats, dass der Krieg in der Ukraine und damit die Rückkehr des Eroberungskrieges nach Europa uns selbst, unser Selbstverständnis, die Art, wie wir zusammenleben, unsere Gesellschaften verändert und in Frage gestellt haben. Vielleicht sind wir heute andere als vor einem oder zwei Jahren – und womöglich ist diese Veränderung wirklich erheblich größer, als jene, die uns sonst im Verlauf eines oder zweier Jahreszyklen ereilen.

Ein genaueres und verlässlicheres Urteil werden wir vermutlich erst in 20, 30 oder 50 Jahren fällen können. Gewissheiten hingegen werden wohl frühestens in hundert Jahren erreicht, wenn wir selbst schon nicht mehr gefragt werden können. Wenn wir Glück haben, dann ist jene Gesellschaft, die dann unsere Zeit beurteilt, noch immer eine offene, die historische Forschung und deren Freiheit für ein hohes Gut hält.

In der Gegenwart die Gegenwart erkennen zu wollen, geschweige denn die Zukunft, ist ein komplexes und anstrengendes Unterfangen – aus vielen Gründen: Die Evolution hat Menschen mit der notwendigen Fähigkeit zur Selektion von Informationen ausgestattet, um Lähmung durch Informationsüberlastung zu vermeiden. Stetig sortieren wir so die eigehenden Informationen nach dem Grade ihrer vermuteten Wichtigkeit – und verwerfen täglich den größten Teil unserer Erfahrungen und unseres Wissens. Ob wir gut gewählt haben, erweist sich erst in der Rückschau, uns fehlt im Prozess der nötige Überblick.

Die Evolution hat den Menschen zudem mit einem gestaffelten Reaktionssystem auf unsere Umwelt versehen, bestehend aus Reflexen, Emotionen und der Fähigkeit zu rationalen Erwägungen: Bei den Reflexen führt ein Schlüsselreiz zu einer programmierten Reaktion, diese „vollzieht sich spontan, läuft nach einem starren Muster ab und tritt zuverlässig immer auf, wenn der zugehörige Reiz präsent ist“.[2] Ähnlich werden Emotionen durch spezifische Reize ausgelöst, jedoch „bereiten sie den Körper auf eine spezifische, evolutionär bewährte Verhaltensreaktion nur vor, führen diese noch nicht unmittelbar aus“.[3] So führt hier der Reiz zu einer körperlichen Reaktion, die als Gefühl wahrgenommen wird, und typische Reaktionsmuster stehen zur Verfügung, werden aber nicht automatisch ausgelöst. Die körperlichen Veränderungen, die der Reiz auslöst, erlauben uns, im Notfall schnell zu agieren, die Entkoppelung von Reiz und Reaktion lässt zugleich Raum für freies Handeln. Die rationale Reaktion hingegen als drittes Verfahren im Umgang mit der Welt kann von der Emotion ihren Ausgang nehmen, braucht jedoch mehr Zeit und ist daher nicht eng an auslösende Reize gebunden. So gewinnen wir die Freiheit, gegen unsere Gefühle zu handeln, doch: „Wo schnelles Handeln erforderlich ist oder rationale Erwägungen nicht weiterhelfen, entscheiden wir ›gewaltsam‹, d.h. nach willentlich abgebrochener Reflexionsphase, oder ›aus dem Bauch heraus‹, d.h. entsprechend den archaischen Verhaltensdispositionen oder ›Intuitionen‹ in uns.“[4]

Die ersten drei Sätze des ersten Artikels des Grundgesetztes der Bundesrepublik Deutschland lauten:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Wir leben in einer Gesellschaft, die von der Geltung der Gesetze geprägt ist, von repräsentativer Demokratie, Rechtssicherheit, Gewaltenteilung. Wir leben in einem Land, dessen Wohlstand aus dem unermesslichen Geschenk hervorging, dass nach 1945 dem westlichen Teil Deutschlands trotz der beispiellosen Tötungs- und Zerstörungswut der Nazi-Zeit mit Hilfszuwendungen der Wiederaufbau, eine neue Zukunft ermöglicht wurde. Doch weder die Selbstverpflichtung des Grundgesetztes auf den Schutz der Menschenwürde und die Wahrung der Menschenrechte, noch der Marschallplan oder die staatlichen Grundstrukturen, die der Bevölkerung dieses Staates etwa die Freiheit des Glaubens, der Berufswahl, der Meinungen und politischen Ansichten garantieren, sind das Ergebnis einer primär gefühlsbasierten Entscheidung oder einer Erwägung des Momentes. Sie alle sind Resultat umfangreich abwägenden Nachdenkens über die Geschichte des Menschen. Sie sind Ergebnis ausdauernder Auswertung der Menschheitserfahrungen und komplexer Reflexionen, und sie stehen am Ende eines unendlich blutigen Ringens um eben diese grundlegenden Erkenntnisse in Kriegen über Kriegen.

Wir können heute nicht wissen, was und wer wir morgen sein werden. Gleichwohl müssen wir in unsere Geschichte blicken, um uns vor jenen Entscheidungen zu bewahren, die aus einer momentanen Irritation, Sorge oder Angst heraus getroffen werden und in der Vergangenheit immer neu ins Unglück geführt haben. Wir benötigen die Kühle und Genauigkeit einer abwägenden, reflektierenden Debatte. Wir müssen uns Souveränität gegenüber den Suggestionen unserer Gefühle erarbeiten. Wir brauchen die Skepsis gegenüber allen einfachen Lösungen, weil diese noch nie geholfen haben: Es gibt keine „Nation“ und kein „Volk“, nur eine Bevölkerung. Die Welt ist komplex, aber sie ist in ihrer Komplexität nicht unverstehbar. Wenn wir Welt gestalten wollen, müssen wir uns der Arbeit des Verstehens unterziehen, wir müssen lesen, zuhören, beobachten, miteinander im Gespräch stehen. Wir müssen Wissen sammeln, wir müssen unsere Geschichte studieren, sie befragen und analysieren. Wir brauchen die Philosophie dringlicher denn je, die Gesellschafts- und Kulturwissenschaften. Wir müssen uns aus der Literatur, der Musik und Kunst die dort aufgehobenen Erfahrungen des Menscheins immer neu aneignen, um keine Erfahrung zu übersehen, die uns einen menschenwürdigen Weg des Lebens ohne Krieg weist. Wir brauchen die Theater, die immer neu den Bestand an Stücken sichten, in denen schon vor Jahrhunderten Menschen jene Probleme spiegelten, die auch uns heute beschäftigen, um unseren Blick zu schärfen und mit historischer Tiefe auszustatten.

Wir brauchen den Blick in die Geschichte, um uns angesichts der Ankunft der vor Krieg, Mord, Folter, Hunger und Armut fliehenden Menschen zu erinnern, dass etwa zwischen 1820 und 1930 rund 6 Millionen Deutsche, die Mehrheit Wirtschaftsflüchtlinge, in den USA Aufnahme fanden, dass während des Nazi-Regimes mehr als 80 Länder den rund 500.000 aus Deutschland Vertriebenen Asyl gewährten. Wir sollten uns immer neu daran erinnern, dass die Geschichte der Menschheit eine Geschichte der Kriege, der Vertreibungen und der Migration ist, die nicht nur alle Menschen zu nächsten Verwandten macht, sondern die endlich zu überwinden ist, indem wir die richtigen Entscheidungen für die Zukunft treffen. Die größte Garantie dafür aber ist und bleibt, so scheint mir, die Investition in Bildung, Bildung und Bildung, nicht aber die Kürzung von Universitäten, die Vernichtung von Bibliotheken und Eindampfung unserer Archive, das Sparen an Sprachkursen, die Marginalisierung von Orten und Praktiken der Reflexion über unser Tun. Nur, wer die Geschichte unserer Welt kennt, kann die Vorzüge und Mängel unserer Gesellschaftsordnung angemessen beurteilen und produktiv weiterentwickeln, ist in der Lage, Menschen, die vor Krieg und Tod in unser Land kommen, ein Ankommen und Integration überhaupt zu ermöglichen.

Dr. Johannes Birgfeld

[1] Zitiert nach: Werner Peek: Griechische Grabgedichte. Griechisch und Deutsch. Berlin: Akademie-Verlag 1960, S. 151.

[2] Katja Mellmann: Literatur als emotionale Attrappe. Eine evolutionspsychologische Lösung des »paradox of fiction«. In: Uta Klein/Katja Mellmann/Steffanie Metzger (Hg.): Heuristiken der Literaturwissenschaft. Disziplinexterne Perspektiven auf Literatur. Paderborn: Mentis 2006, S. 145-166, hier S. 151.

[3] Dabei ist die „Wahrnehmung der körperlichen Veränderungen ist das, was als bewußter Erlebnisaspekt der Emotion (als ›Gefühl‹) in unserer Selbstwahrnehmung auftauchen kann“ (Mellmann: Literatur als emotionale Attrappe, S. 151).

[4] Mellmann: Literatur als emotionale Attrappe, S. 152.

Neu-Europäer: Zwischen Divergenz und Konvergenz

Christian Scholz[*]

Aufgabe der Wissenschaft ist es, auch über Dinge intensiv nachzudenken, die sich als gegeben in unseren Denkprozessen festgesetzt haben. Und dann vielleicht sogar etwas weiterzudenken: Denn wir als Wissenschaftler haben den Vorteil, nicht eingekeilt in die Tagesaktualität, also mit Abstand und mit theoriegestähltem Blick Dinge zu erkennen, die emsig Getriebene nicht sehen können und (sofern es sich um Politiker handelt) auch nicht sehen wollen. Nur kann man Millionen von Flüchtlingen eigentlich nicht übersehen und sollte langsam darüber nachdenken, was Europa mit ihnen macht und was sie mit Europa machen.

Integration als Zauberwort

Zurückschauen ist lehrreich. Wenn man in den 1980er Jahren über Europa sprach, gab es ein ganz wichtiges Zauberwort: „Integration“. Wohin man auch schaute: Alles wurde zusammengeführt, alles vereinheitlicht. Das Ziel: gemeinsame Arbeits-, Finanz-, Währungs-, Kultur-, Bildungs- und Alles-Andere-Auch-Bald-Gleich-Märkte. Es gab sogar die Idee eines europäischen Fernsehprogramms. Dort lief als gemeinsames Vormittagsprogramm die DJ-Cat-Show mit Linda de Mol, und meine Kinder sahen ihr Fernsehen zeitgleich plus inhaltsgleich wie Kinder in Finnland.

Ende der 1980er Jahre wollte ich ein MBA-Programm starten, das sich mit Unterschieden in Europa befassen sollte. Also: Warum ist Personalführung in Portugal anders als in Schottland? Warum verkauft man Waschpulver anders in Italien als in Frankreich? Dieses Programm kam: Zum Glück wählten wir aber nicht (wie unsere juristischen Kollegen für ihren LL.M den Titel European Integration, sondern den Titel „European Management“. Denn: Kann es nur und immer ausschließlich um „Integration“ gehen?

Im Oktober 2004 durfte ich den bekannten Journalisten Peter Scholl-Latour zur Eröffnungsfeier nach Saarbrücken einladen und verwendete bei meiner Einführung folgende Formulierung: „Gerade heute, wo wir die Faszination der Vision Europa aus der Ernüchterung heraus in eine faszinierende Realität umsetzen wollen, brauchen wir einen kritisch konstruktiven Dialog.“ Was wir damals aber alle eher am Rande zur Kenntnis nahmen, waren Peter Scholl-Latours mahnende Worte zum Thema Türkei und die damit verbundene Zugehörigkeit zu einem anderen Kulturkreis. Wovon wir damals noch überhaupt nicht sprachen: von Syrien, von Afghanistan, aber auch nicht von der Ukraine und Rumänien.

Alles drehte sich nur um Integration, und unsere EU-Institutionen drehen immer noch fleißig an diesen Rädern.

Konvergenz als Irrglaube?

An diesen Nachmittag vor bald 30 Jahren kann ich mich noch gut erinnern: Nach der Vorstellung der Idee des oben erwähnten MBA-Programms blickte ich in erstaunte Gesichter. Warum in aller Welt soll man sich mit Unterschieden in Personalführung und im Marketing innerhalb von Europa beschäftigen? Wenn doch sowieso alles zusammenwächst und gleich wird? Das Zauberwort „Integration“ fand seine Steigerung im Glauben an den Automatismus der Konvergenz. Aber bemerkenswert: Die damalige Kultur an der Universität des Saarlandes ermöglichte trotzdem den Start des Programms. Wie im ursprünglichen Europa ging es auch an der Universität um Vielfalt, Freiheit, Föderalismus und Demokratie.

Der Automatismus „Konvergenz“ funktioniert in Europa aber nur begrenzt. Übrigens: Die Idee eines europäischen Fernsehprogramms mit einem gemeinsamen Vormittagsprogramm für Kinder erfuhr unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit bereits 1989 ein jähes Ende, als Sky Channel 1989 entschied, sich ausschließlich auf Großbritannien zu konzentrieren, und den Anspruch auf Abdeckung von Europa aufgab.

Divergenz als Zwangsläufigkeit

Lange bevor die Millionen von Flüchtlingen Veränderung in ein Europa brachten, das auf der Oberfläche immer noch über Integration räsoniert, entsteht etwas anders, nämlich Divergenz. Nur: War vollständige Konvergenz schon im „kleinen“ Europa unmöglich, wie kann man sich wundern, dass Konvergenz im „großen“ Europa nicht so richtig in die Gänge kommt?

Konvergenz und Divergenz sind Prozesse. Sie laufen über einen längeren Zeitverlauf und liefern entweder Angleichung (der Abstand wird kleiner) oder Auseinanderlaufen (der Abstand wird größer). Das hat natürlich nichts mit ‚Gemeinsamkeit‘ und ‚Unterschied‘ zu tun. Nimmt man das Fernsehen, so gab es am Anfang Konvergenz, aber seit Anfang der 1990er Jahre klare Divergenz, wo sich Fernsehanstalten national orientierten.

Für mich als Betriebswirt ist es interessant zu verstehen, was passiert, wo es also zu Konvergenz und Divergenz kommt. Es ist aber noch interessanter, sich zu überlegen, wo es Konvergenz und wo es Divergenz im Sinne von Leuchttürmen geben sollte. Konvergenz als Harmonisierung plus Standardisierungen ist gut bei Artikelnummern, Produktabmessungen und bei Abrechnungssystemen. Divergenz aber als strategischer Wettbewerbsvorteil ist wichtig bei Personalarbeit, Innovationsmanagement und Marketing. Wir brauchen also einen vereinheitlichten europäischen Warenverkehr. Aber ist die Konvergenz wirklich überall erstrebenswert? Oder wollen wir die damit eingehergehende kulturelle, wirtschaftliche, intellektuelle und sprachliche Nivellierung in Europa lieber nicht?

Von wenig echter Konvergenz zu ganz viel offener Divergenz

Irgendwie träum(t)en Angela Merkel, Jean Claude Juncker und Martin Schulz von einer „europäischen Lösung“, von irgendwie gleichverteilten Flüchtlingen, die sich irgendwie gleichmäßig in alle Länder integrieren, also fast schon als Konvergenzmultiplikatoren wirken.

Die gesamte Flüchtlingsentwicklung wurde dramatisch geprägt von exakt vier Ereignissen: Ungarn (ein Zaun, 17. Juni 2015), Deutschland (eine Willkommenskultur, 6. September 2015), Österreich (eine k&k-Konferenz am 24. Februar 2016) und Türkei (14. Juli 1683). Also vier Singularitäten.

Jetzt kann man noch Frankreich, Polen, England, Italien sowie Griechenland dazusetzen und es wird klar, dass überhaupt nichts mehr klar ist. Aus einer bipolaren Verhaltensweise in Europa ist etwas geworden, was es in der Psychologie nur in Grenzbereichen gibt: nämlich eine mehrdimensionale Verhaltensstörung.

Sie hat nur einen einzigen ganz kleinen gemeinsamen Nenner: Divergenz!

Fragen über Fragen

Was passiert, wenn Flüchtlinge gar nicht nach Europa wollen, sondern gezielt nach Großbritannien oder Deutschland? Für sie scheint die Vision Europa nicht handlungsleitend. Für sie zählen sprachliche Vorteile (Großbritannien), wirtschaftliche Vorteile (Deutschland) und Fußballmannschaften (nicht Österreich).

Was passiert, wenn immer mehr Menschen nach Europa kommen, in deren Köpfen das Konstrukt „Europa“ nicht vorkommt und die es auch in ihrem Handeln dementsprechend noch weniger berücksichtigen als die bisherigen Europäer? Ein kleines Forschungsprojekt aus dem Bereich „Fluchtraum Europa“ an meinem Lehrstuhl legt eine bedrohliche These nahe: In den Köpfen derjenigen, die über das Mittelmeer oder die Türkei zu uns kommen, gibt es den Begriff „Europa“ auch nicht einmal ansatzweise – genauso wenig wie es für sie irgendeinen Oberbegriff gibt, der Algerien, Syrien und Eritrea verbindet.

Was passiert, wenn sich europaweit Türken in imposanten Demonstrationen für die aktuelle Regierung in der Türkei aussprechen, die – so manche europäische Politiker – nicht unbedingt europäische Werte verkörpern? Falls es diese „europäischen Werte“ überhaupt gibt oder geben sollte?

Was passiert, wenn nur ganz wenige Länder in Europa Millionen Menschen aus dem Kulturraum von der Türkei über Afghanistan bis hin ins ganz tiefe Afrika aufnehmen, die meisten anderen Länder aber nicht? Verändern sich dann ausschließlich diese Aufnehmerländer? Und entfernen sich vom dem, was vielleicht als „europäisch“ galt? Wobei aber noch immer keiner weiß und auch eigentlich niemand mehr diskutieren möchte, was eigentlich „europäisch“ bedeutet?

Was passiert, wenn Flüchtlingsströme Kulturen verändern? Und könnte es nicht sein, dass das Zauberwort „Integration“ sich erneut als Nullnummer erweist? Wenn es (zum Glück) nicht gelungen ist, Deutsche und Franzosen auch nur ansatzweise ineinander zu integrieren, wie soll es gelingen, Iraker und Iren zu integrieren? Und ist das nicht in Teilen sogar positiv zu bewerten, wenn man der Logik folgt, wonach Divergenz und Diversität gut sind?

Also mehr „Nicht-Europäer“ als „Neu-Europäer“?

Manchmal wählt man zu Beginn eines Blogs einen Titel, der vielleicht nicht ganz richtig ist. So auch hier: Es hat den Anschein, als ob die Menschen, die zu uns kommen, definitiv keine „Neu-Europäer“ sind und wahrscheinlich auch keine werden (wollen).

Sind Engländer nach dem Brexit noch Europäer? Geografisch ja, kulturell vielleicht auch, aber darüberhinausgehend? Sind Engländer nach dem absurden Theater unserer hochbezahlten europäischen Politiker vielleicht sogar „Nicht-mehr-Europäer“?

Jetzt rächt es sich, dass viele von uns sich viel zu wenig mit Divergenz und Konvergenz in Europa beschäftigt haben: nicht die Politiker, für die es wahlkampfbezogen bessere Themen gibt, nicht die an einfachen Schlagzeilen interessierten Medien und auch nicht diejenigen Forscher, die leichter Geld und individuelle Perspektiven für andere Themen einsammeln können.

Damit bleibt für mich neben der echten und bald nicht mehr existierenden wissenschaftlichen Grundlagenforschung nur noch die Kunst als Hoffnungsträger, um sich diesem Thema zu nähern.

[*] Univ.-Prof. Dr. Christian Scholz (orga.uni-sb.de) wurde 1986 an die Universität des Saarlandes berufen und ist Gründungsdirektor des MBA-Programms im dortigen Europa-Institut. Er publiziert in wissenschaftlichen Zeitschriften, schreibt aber auch Kolumnen in Zeitungen und bloggt seit 2006 als „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“.

In einer neuen Sprache ankommen – Ergebnisse einer Untersuchung der Situation syrischer Flüchtlinge im Saarland

Benedikt Kramp & Stefanie Haberzettl

„In Syrien gibt es Krieg, wir haben große Probleme.“
(Ahmad (Namen bei allen Zitaten geändert), 59, Dudweiler)

Sie kommen aus Damaskus, Aleppo und Homs, aus ar-Raqqa, Latakia und Dar‘aa. Alles Städte, die vor Beginn des Bürgerkrieges in Syrien froh und lebenswert waren; heute dagegen sind sie nur noch ein Bild von Trümmern.

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Quelle : https://www.care.de/einsaetze/naher-osten/syrien/

„Ich mag Deutschland und ich liebe die deutsche Bevölkerung, in meinem Heimatland gibt es Krieg, ich habe kein Haus oder sonstiges mehr in Syrien.“
(Raneem, 39, Saarbrücken)

Seit der zweiten Jahreshälfte 2013 ist die Zahl der Asylantragsstellungen in Deutschland stark angestiegen und liegt seit Juni 2014 kontinuierlich bei über 10.000 pro Monat. 2015 wurde erstmals die Zahl von 440.000 Erstanträgen überstiegen und lag damit etwas höher als das bisherige, vom Balkankonflikt geprägte Rekordjahr 1992 (mit etwa 438.000 Erst- und Folgeanträgen). Die überwiegende Zahl der Anträge, knapp 36% im Jahr 2015 (1), wurde von SyrerInnen gestellt.

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Quelle : https://www.weltkarte.com/typo3temp/images/politische-karte-syrien.jpg

Integration durch Sprache

Mit der steigenden Zahl der in Deutschland ankommenden Menschen wachsen auch die Herausforderungen an das Bildungs- und Sozialsystem der Bundesrepublik.

Die Integration – wie auch immer man diesen Begriff auf der Skala zwischen Assimilation und Inklusion einordnen mag – steht dabei im Zentrum der aktuellen Debatten. Auch wenn Sprache allein dabei sicherlich nicht ausreicht, besteht kein Zweifel an ihrer Schlüsselrolle.

In der Spracherwerbsforschung unterscheidet man zwischen Fremd- und Zweitsprache. Dabei beschreibt der Fremdspracherwerb den sog. gesteuerten Erwerb einer Sprache in der Schule oder in einer anderen Bildungsinstitution im Ausland, unterstützt durch eine Lehrkraft und meist mit einem Lehrwerk. Im Alltag spielt die Fremdsprache keine große Rolle. Der Zweitspracherwerb verläuft hingegen größtenteil ohne explizite Anleitung. Die Zweitsprache ist die Sprache der Umgebung und somit von zentraler Bedeutung für die Bedürfnisse des alltäglichen Lebens. Die Lerner machen sich, so gut sie können, einen Reim auf die Sprache, die sie umgibt und in der sie von Anfang an gleich kommunizieren müssen. Sie versuchen, so viele Wörter und Regeln für die Zusammensetzung von Sätzen zu erschließen, wie sie können oder wie sie es für ihre Bedürfnisse brauchen.

Soweit die Definition dieser Begriffe in der Theorie – in der Praxis sind „Reinformen“ des Fremd- oder Zweitspracherwerbs selten, denn über das Internet und die sozialen Medien können auch Fremdsprachenlerner authentische Kommunikation mit Muttersprachlern führen, und Zweitsprachlerner besuchen durchaus oft auch Sprachkurse – und müssen das auch unbedingt! Wenn Deutschland für sie eine zweite Heimat werden soll, muss sich ihre Sprachkompetenz stetig verbessern und Grundwissen für die einfachen Sprachhandlungen des Alltagslebens reichen dabei auf lange Sicht nicht aus.

Vor diesem Hintergrund wurde in einem Projekt der Universität des Saarlandes mit Fragebögen in arabischer Sprache und Einzelinterviews, beides unterstützt von einem arabischsprachigen Dolmetscher, eine Studie zu Flüchtlingen aus Syrien im Saarland durchgeführt, in der es insbesondere um das Thema der zweiten Sprache Deutsch geht. Die Arbeit trägt den Titel „Deutsch für Geflüchtete – eine Bedarfsanalyse“ und wurde von Benedikt Kramp, Master-Student an der UdS, verfasst. Diese Studie soll dazu beitragen, die Versorgung mit Sprachlernangeboten zu verbessern.

Zweite Heimat Deutsch(land)

„Sicherheit ist wichtig, ich fühle mich wohl hier und es ist wie mein zweites Heimatland, es ist nicht unbekannt.“ (Alan, 28, Quierschied)

So wie Alan sehen es viele der 113 Befragten. Fast jeder Zweite (rund 48%) sieht sich auch in 5 Jahren noch in Deutschland, nur knapp jeder Zehnte (9%) gibt an, in 5 Jahren wieder in Syrien sein zu wollen.

Es sollte klar sein: Je länger die Konflikte in den jeweiligen Ländern andauern, desto mehr Menschen werden dann auch dauerhaft in Deutschland bleiben wollen.

„Ich möchte in Deutschland bleiben, weil Deutschland ein starkes Land ist, ich liebe die Stärke, das gefällt mir, die Menschen hier haben Rechte und diese Rechte werden bewahrt.“ (Khaled, 20, Saarbrücken)

Auch wenn man davon ausgeht, dass viele wieder in ihre alte Heimat zurückkehren, ist es, nicht zuletzt aus humanitären Gründen, unerlässlich diesen Menschen die Möglichkeit zu geben, ein lebenswertes Leben zu führen. Sprache und Integration sind untrennbar miteinander verbunden und Sprache bildet die Voraussetzung für Teilhabe und Partizipation in und an der Gesellschaft und damit für soziale Kontakte.

„Ich sehe meine Zukunft in Deutschland, für eine sichere Zukunft und weil Deutschland ein sicheres Land ist.“ (Shadi, 18, Nonnweiler)

Dieses und auch schon die vorherigen Zitate zeigen, dass der Integrationswille und die Bereitschaft zur partizipativen Teilhabe in der Gesellschaft durchaus gegeben sind – und dass nicht, wie in Stammtischgesprächen leider oft behauptet, das Gegenteil der Fall ist.

Zukunftsträume: Leben und Arbeiten

„Ich möchte mich in der Gesellschaft gut integrieren, ich möchte ein produktives Mitglied der Gesellschaft für den Aufbau des Landes sein, ich möchte dem Staat nicht auf der Tasche liegen. Ich möchte mich nicht von anderen abhängig machen und meinen eigenen Lebensunterhalt verdienen.“ (Malek, 36, St. Wendel)

Die folgende Graphik aus der genannten Studie zeigt, wo die Befragten sich gerne beruflich einbringen würden:

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Aber die Befragten äußern auch Wünsche für ihr soziales Leben, würden gerne Kontakte knüpfen und Freundschaften aufbauen. Leider scheitert das oft an den Wohnbedingungen und natürlich an der Sprachbarriere.

„Es ist schwierig Kontakt mit den Deutschen zu haben.“ (Nasir, 24, Schafbrücke)

Über 76% der Umfrageteilnehmer geben an, dass ihnen Kontakt zu Deutschsprachigen beim Deutschlernen helfen würde. Viele Flüchtlinge sind aber auch nach über sechs Monaten nach ihrer Ankunft in Zimmern mit bis zu 12 Personen untergebracht, warten auf ihre Vorladung zur Anhörung, die die Grundlage für die Entscheidung über den Asylantrag bildet, oder auf den Erhalt eines Aufenthaltstitels, der sie zur Teilnahme an einem Integrationskurs berechtigt. Kontakt zu Deutschsprachigen gibt es in dieser Zeit so gut wie keinen.

Ein kleiner Lichtblick

Seit November 2015 erhalten Asylbewerber und Geduldete aus Ländern mit guter Bleibeperspektive, d.h. aus Ländern mit einer Anerkennungsquote von über 50%, Zugang zu Integrationskursen. 2016 gehören Eritrea, Iran, Irak, Somalia und Syrien zu diesen Ländern (2).

Nichtsdestoweniger sind die Wohnsituation, die langen Wartezeiten bis zum Eintritt in eine Deutschlernmaßnahme – auch aufgrund langer behördlicher Bearbeitungszeiten – und die damit verbundene Unsicherheit über den Verbleib kontraproduktiv für den Lernprozess und die Lernmotivation.

Wortloses Warten

„Ich wünsche mir, dass es Deutschkurse gibt.“ (Amer, 22, Kleinblittersdorf)

Nach Angaben des Deutschen Volkshochschulverbandes, dem bundesweit größten Träger von Integrationskursen, liegen die durchschnittlichen Wartezeiten für den Einstieg in einen Integrationskurs derzeit bei etwa sechs Monaten. Bei privaten Instituten dürfte die Zahl unwesentlich davon abweichen.

Dazu kommt, dass die Kurse selbst oft keine guten Lernbedingungen bieten.

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Quelle : http://www.tagesspiegel.de/images/sprachkurs-fuer-fluechtlinge/12598210/2-format43.jpg

„Es wäre gut, wenn es weniger Teilnehmer wären.“ (Erbal, 28, Saarbrücken)

Um den hohen Bedarf zu decken, hat das BAMF die Höchstzahl der Teilnehmer im Integrationskurs auf 25 (von 20) angehoben, eine Kursauslastung, die jedem Teilnehmer vermutlich kaum mehr als eine Minute Redezeit pro Unterrichtsstunde erlaubt. Hinzu kommt, dass viele Kurse sehr heterogen zusammengesetzt sind, trotz der im Vorfeld durchgeführten Einstufungstests.

„Es war schwierig, dass ich direkt in einen Sprachkurs kam, obwohl ich nicht schreiben kann.“ (Wessam, 30, Saarbrücken)

Im Unterricht treffen Lerner, die schon in ihrer Muttersprache nicht alphabetisiert sind, auf Akademiker, die fließend Englisch sprechen und möglichst schnell ein (deutschsprachiges) Studium aufnehmen möchten. Die Kurskonzeption sollte daher vermehrt an die Bedürfnisse, die spezifischen Voraussetzungen und den Bildungshintergrund der Teilnehmenden angepasst werden.

Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Im diesem Zusammenhang werden auch unterschiedliche Erwartungen an einen Deutschkurs von Seiten der Umfrageteilnehmer formuliert.

„Den Anfängern beibringen, wie man einfache Sätze bilden kann.“ (Khaldun, 27, Saarlouis)

„Eine Verbindung zwischen Deutschkurs und Studienfach.“ (Rulaf, 19, Wadgassen)

„Mündliche Übungen sind sehr wichtig, ich möchte von Ihnen, dass sie sich um mündliche Übungen kümmern.“ (Mohannad, 36, Saarbrücken)

Den Wunsch nach mehr mündlichen Übungen äußert eine große Mehrheit der Befragten. Das Erlernen erster Floskeln für den Gesprächseinstieg und die Erstorientierung in verschiedenen Situationen ist zunächst der drängendste Bedarf.

Die Geflüchteten werden allerdings leider nicht weit kommen in dieser mündlichen Alltagskommunikation:

Der Erwerb mündlicher Sprachkompetenz kann nur ein erster, wenn auch entscheidender Schritt zum Erlernen der deutschen Sprache sein. Es muss jedoch klar sein, dass auch die von schriftsprachlichen Strukturen geprägte Bildungssprache essentiell ist für den Einstieg in die Arbeitswelt.

Die Bildungssprache ist eine schwierige, auch für viele „Biodeutsche“ (jugendsprachliches Kurzwort für: nicht-mehrsprachig aufgewachsene oder aufwachsende Person ohne Migrationshintergrund) sehr fremde Sprache, die man nicht in der Fahrschule lernen kann.

Aufgaben für professionelle und ehrenamtliche Helfer

DaF = Deutsch an Fahrschulen? Auf diese Idee konnte man zeitweise kommen! In der Tat sollte es auch an Fahrschulen Deutschkurse geben, um dem großen Bedarf gerecht zu werden. (3)

Solche mehr als fragwürdigen Angebote sollten zeigen, wie wichtig die verstärkte Einrichtung von Deutschkursen mit professionell ausgebildeten Sprachlehrern ist. Leider arbeitet die überwiegende Mehrheit der Lehrkräfte in den Integrationskursen in einem unsicheren Beschäftigungsverhältnis auf Honorarbasis. Dabei verfügen sie über ein abgeschlossenes Hochschulstudium, zumeist in Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache, sind ExpertInnen für die Zielsprache Deutsch – von der Alphabetisierung bis zur fachsprachlichen Kommunikation – und VermittlerInnen, wenn es um gesellschaftliche und berufliche Integration, Selbstwirksamkeitserfahrung und Selbstständigkeit geht. Dafür sollten sie angemessen entlohnt werden.

Doch auch Ehrenamtliche werden gebraucht. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Behördengängen und anderen „praktischen“ Herausforderungen.

„Wie und wo kann ich mich informieren, wenn ich Schwierigkeiten habe? Wer kann mich beraten?“ (Ahmad, 44, Saarbrücken)

Aber sie stehen auch für menschliche Anteilnahme und für Austausch auf Augenhöhe.

„Ich würde mir wünschen, jemand würde mich fragen, ob ich mich in Deutschland wohl fühle, oder, ob ich unter Problemen leide.“ (Wael, 24, Neunkirchen)

Und schließlich helfen sie dabei, die offene, positive Haltung der Bevölkerung aufrecht zu erhalten und Vorurteile und Berührungsängste insgesamt abzubauen, die bekanntlich (wieder) zugenommen haben. Letzteres ist auch für die von uns Befragten zu spüren. Einige Befragte geben an, das einstige Klima der „Willkommenskultur“ habe sich – vor allem nach den Ereignissen der Silvesternacht in Köln – gewandelt und die Kontaktaufnahme sei schwieriger geworden.

„Ich habe seit Köln Angst vor der Reaktion der Menschen hier.“ (Adham, 20, St. Ingbert)

„Ich habe manchmal den Eindruck, die Leute haben Angst vor den Flüchtlingen“.
(Saner, 47, Saarbrücken)

Die Studie der UdS /Lehrstuhl für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache hat uns gezeigt, dass es noch viel zu tun gibt, um den Deutschunterricht auszubauen und auf die Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen abzustimmen. Vor allem aber hat sie gezeigt, dass die Motivation, in und mit Hilfe der Sprache Deutsch in unserer Gesellschaft anzukommen, groß und trotz aller Schwierigkeiten ungebrochen ist. Das stimmt uns optimistisch – und und macht Mut, gemeinsam diese Herausforderung anzugehen!

„Deutschland ist meine zweite Heimat. Deutschland schützt uns. Ich bin sehr froh darüber. Ich danke euch.“ (Ali, 21, Schafbrücke)

Wir danken dir, Ali, für dein Vertrauen. Wir wollen es nicht enttäuschen.

Quellen:

  • BAMF: Das Bundesamt in Zahlen – Asyl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2016.
  • BAMF: http://www.bamf.de/DE/Infothek/FragenAntworten/IntegrationskurseAsylbewerber/integrationskurse-asylbewerber-node.html
  • Burchard, A: Schlingerkurse. URL: http://www.tagesspiegel.de/wissen/verwirrende-vielfalt-bei-deutschkursen-fuer-fluechtlinge-die-schlingerkurse/13070740.html

Art has no Nationality

By Meriam Bousselmi
Translated from French by Salma Riahi

I have always been afraid of defining myself as an artist. Today, it scares me even more. What does it mean to be an ARTIST? To have a magical power to move or attract an audience? Is being an Artist a power to please or to divide ? What does it mean to be an artist today, especially if we are originally from the Arab world? Is “simple creativity” enough? When I’m invited to Europe today, people are more interested in my Country than they are in my Art. I feel more like an informer than a creator. I have to report more on the political situation of my home country than on the artistic choices of one of my creations! Why is Art confused with activism when it comes to certain artists like me? As if the transgression can only be unidirectional. A sort of declared resistance that takes a deliberate enemy, most often political and makes it its subject? Can we reduce Art to a form of political resistance?

In „What is the Creative Act?“, Deleuze asserted that: « To create is to resist». As of the outraged Stéphane Hessel, he claimed that: « To create is to resist, to resist is to create ». But what does Resistance by creation mean? What is Art today? What does it mean to be an artist? These are vague flabby concepts that call for vigilance. Art, Artist, Resistance and Engagement are concepts that can have different significations depending on the context. Perspectives depend on the geographic, political and economic situation. For instance, the margin of freedom given to the artists of the German scene and those at the international level in general is incomparable to what is expected from Arab and African artists. In our countries, we must fight against taboos and the aesthetic dictatorships that have existed for several generations. We have to get rid of these Fathers who killed both the Father and the son at the same time ! The self-proclaimed titans and the « holders of the only valuable aesthetic ». There is no THEATRE in the Arab World and in Africa, there are some « doers » who reduced THEATRE to a sort of private property. In Europe, we are reduced to informants on the political issues of our countries of origin. Those who break through are often those who know how to Play “ the Arab or the nigger“. There is a real hiatus between two Worlds: South – North, North- South, even within the same African continent. A sort of desired and maintained misunderstanding.

Camus wrote: „Commitment. I have the loftiest idea, and the most passionate one, of art. Much too lofty to agree to subject it to anything.”.

No, I don’t define myself as a “committed” artist. I consider myself as an « artist », period. I hate confinement. And I refuse to reduce a complex status to a simple « protester tendency ». It is like reducing a people’s history to some events. The whole is always greater than the sum of its parts! The artist is evidently a figure of opposition in a broad sense. « To create is to revolt », Brecht told us. I experience each one of my works as a Revolution, or almost. Yet, this doesn’t mean that I’m a committed artist. I am neither a militant nor a partisan. I don’t want to be in the service of any ideology and I’m not affiliated with any political party. Commitment in art is a false pretext for „opportunism“, „clientelism“ and „careerism“. Especially in the Arab world, where certain internationally renowned artists exploit the «notion of commitment» as if it was a business. Their only merit is the success of their propaganda campaign. Their only talent consists of mastering the art of changing sides. However, their works are anything but transcendent. They hide their lack of creativity and sometimes even their mediocrity behind their « messianism ». It’s disgusting!

Art is, in my opinion, a space for reflection. A space to overcome all the tensions related to inherited or attributed identity. I don’t have an instruction manual .But I’m looking for a real exchange with the other. I’m looking for the “ENCOUNTER” capable of broadening my field of vision. I see creation as a sublime way of „SHARING“. This certainly involves a going back and forth between partners. And in this random motion, there is certainly a tension, a questioning, thus: a confrontation. However, originally, there is the desire to go toward the other through the self. And, conversely, the desire to go toward the self through the other. Hence I call every creation an ENCOUNTER.

We need artists ! Yes, I tremble as I say it. But we need these « crazy » ones, able to enchant a disenchanted world. These creators of magic in a world way too rational. These « marginal » people who replace the poetic at the heart of the political. Che Guevara comes to my mind addressing Ludek Pachman saying: „You know, comrade Pachman, I don’t enjoy being a Minister; I would rather play chess like you, or make a revolution in Venezuela.“ I’m not to judge the positions of my colleagues. What is good for me isn’t necessarily good for the others. What is good for others isn’t necessarily good for me. And I hate single thought and those who love to lecture others. I wouldn’t want to simplify the reflection and make it simplistic.
I condemn this conduct that reduces certain artists to simple agitators and puppets of the public space, and I plead for a more radical resistance. More than a political speech, I demand a political art that really confronts by its form, its manner and its content, the news, the art market and the power.
To the label of « Arab » artist, I prefer just artist. Art has no nationality. I refuse to let my « artist legitimacy » be based on the persecution or political commitment. To the label of social artist, I prefer « asocial » artist. I situate art and my role as an artist in a logic of battle, in an antagonistic relationship with the established order, in a logic of resistance to politicisation and in a logic of poetic resistance. We must look for the alternative of the political instead of engaging in the political.
I prefer to remain faithful to the revolutionary duty of the artist by trying to do my best in what I do, by engaging in the production of a work in motion that searches and searches itself. Behind the displayed pseudo-militantism, there are numerous of social climbers, collaborators of yesterday, of today and of tomorrow. Behind the messianism of some « committed» artists, there is a reversed domination. Those who closely observe the current situation in Tunisia and in the Arab World can only see the „le Dishonour of Poets“.

Thereon, Benjamin Péret wrote: “ But the poet does not have to perpetuate for others an illusory hope, whether human or celestial, nor disarm minds while filling them with boundless confidence in a father or a leader against whom any criticism becomes a sacrilege Quite the contrary, it is up to the poet to give voice to words always sacrilegious, to permanent blasphemies.. Thus he will be a revolutionary but not one of those who oppose today’s tyrant, whom they see as baneful because he has betrayed their interests, only to praise tomorrow’s oppressor, whose servants they already are.“

It is high time for the West to stop its craze for the « aesthetics of persecution and compassion ». Art in infinitely greater and more universal because it is infinitely personal and intimate. It is high time for the East to « kill its darlings» and stop restricting itself to what it knows how to produce. And perhaps above all, stop fearing what it believes itself to be incapable of producing.
It is the freedom of thought and creation that is at stake and that is the real stake.
There is no more common horizon, but a multiplicity of debates around possible worlds that we have to articulate between them… The most important thing of all this, in the « becoming » in the Hegelian sense or the thinking process…

Meriam Bousselmi Berlin 2016

 

L’Art n’a pas de Nationalité

Par Meriam Bousselmi

J’ai toujours eu peur de me définir en tant qu’artiste. Aujourd’hui encore plus. Ça veut dire quoi être ARTISTE ? Avoir un pouvoir magique pour émouvoir ou accrocher une audience ? Etre Artiste, c’est-ce un pouvoir de plaire ou de diviser ? C’est-à-dire quoi être Artiste aujourd’hui surtout si on est originaire du monde arabe? La « simple créativité » suffit-elle ? Quand on m’invite aujourd’hui en Europe, on s’intéresse plus à mon Pays qu’à mon Art. J’ai le sentiment d’occuper un statut d’informateur plutôt que de créateur. Je dois plus rendre compte de la situation politique chez moi que de mes choix artistiques sur une de mes créations ! Pourquoi confond-on l’Art avec le militantisme quand il s’agit de certains artistes comme moi ? Comme si la transgression ne peut être qu’à sens unique. Une sorte de résistance déclarée qui prend un ennemi délibéré, politique le plus souvent et en fait son sujet ? Peut-on réduire l’Art à une forme de résistance politique ?

Dans „Qu’est-ce que l’acte de la création ?“, Deleuze a affirmé : « Créer c’est résister ». L’indigné Stéphane Hesssel revendiquait à son tour : « Créer c’est résister, résister c’est créer ». Mais que signifie la Résistance par la création ? C’est quoi l’Art aujourd’hui ? Qu’est-ce que cela signifie d’être artiste ? Voilà des concepts vagues, flasques qui appellent à la vigilance. Art, Artiste, Résistance et Engagement sont des concepts qui impliquent des significations différentes selon le contexte. Les perspectives sont tributaires de la situation géographique, politique et économique. La marge de liberté qu’on accorde aux artistes de la scène allemande par exemple et pour les artistes à l’échelle internationale en générale est incomparable avec ce qu’on attend des artistes arabes et africains. Dans nos pays nous devons combattre les tabous et les dictatures esthétiques en place depuis quelques générations. Nous devons nous débarrasser de ces Pères qui ont tué le Père et le fils à la fois ! Qui se sont autoclamés les titans de la place et les « détenteur de la seule esthétique de valeur ». Il n’y a pas de THEATRE dans le Monde arabe et en Afrique, il y’a quelques « faiseurs » qui ont réduit le THEATRE à une sorte de propriété privé. En Europe, nous sommes réduits à des informateurs sur les questions politiques de nos pays d’origine. Ceux qui percent sont souvent ceux qui savent jouer “ l’arabe ou le nègre de service“. Il y’a un véritable hiatus entre deux Mondes : Sud – Nord, Nord- Sud, même au sein du même continent africain. Une sorte de malentendu voulu et entretenu.

Camus écrivait : „Engagement. J’ai la plus haute idée, et la plus passionnée, de l’art. Bien trop haute pour la soumettre à rien“.

Non, je ne me définis pas comme artiste « engagée ». Je me considère comme « artiste » point. J’ai horreur de la réduction. Et je refuse de réduire un statut complexe à une simple « tendance protestataire ». C’est comme réduire l’histoire d’un peuple à quelques événements. Le tout est toujours supérieur à la somme des parties ! Il est évident que l’artiste soit une figure de l’opposition dans un sens large. « Créer c’est se révolter », nous dit Brecht. Je vis chacune de mes oeuvre comme une Révolution ou presque. Cela ne vaut pas dire pour autant que je sois une artiste engagée. Je ne suis ni une militante ni une partisane. Je ne veux pas être au service d’une idéologie et je ne suis affilée à aucun parti politique. L’engagement dans l’art est un faux prétexte à l'“opportunisme“, au „clientélisme“ et au „carriérisme“. Surtout dans le monde arabe où certains artistes de renommée internationale exploitent la « notion d’engagement » comme on exploite un fond de commerce. Ils n’ont du mérite que le succès de leurs compagnes de propagande. Leur unique talent consiste à manier l’art de retourner la veste. Par contre leurs oeuvres sont tout sauf transcendantes. Ils cachent leur manque de créativité et parfois même leur médiocrité derrière leur « messianisme ». C’est répugnant !

L’Art est à mon sens un espace de réflexion. Un espace pour dépasser toutes les crispations liées à l’identité héritée ou attribuée. Je n’ai pas de mode d’emploi. Mais je cherche un véritable échange avec l’Autre. Je cherche la “ RENCONTRE “ capable d’ouvrir mon champ de vision. Je conçois la création comme un moyen sublime du „PARTAGE“. Cela implique un va et viens certes entre les partenaires. Et dans ce mouvement aléatoire, y’a certainement une tension, un questionnement, donc: une confrontation. Mais, à l’origine, y’a l’envie d’aller vers l’autre en passant par soi. Et inversement, l’envie d’aller vers soi en passant par l’autre. D’où j’appelle RENCONTRE, toute création.

Nous avons besoin des Artistes ! Oui, je tremble à le dire. Mais nous avons besoins de ces « fous » capables d’enchanter un monde désenchanté. Ces créateurs de magie dans un monde trop rationnel. Ces « marginaux » qui replacent le poétique au coeur du politique. Il me vient à l’esprit Che Guevara s’adressant à Ludek Pachman il dit : „Vous savez, camarade Pachman, je n’éprouve pas de plaisir à être ministre, je préfèrerais jouer aux échecs comme vous, ou alors faire une révolution au Venezuela.“ Je n’ai pas à juger des positions de mes collègues. Ce qui est bon pour moi n’est pas forcément pour les autres. Ce qui est bon pour les autres ne l’est pas forcément pour moi. Et puis j’ai horreur de la pensée unique et des donneurs de leçon. Je ne voudrais pas simplifier la réflexion à une réponse simpliste.

Je dénonce cette conduite qui réduit certains artistes à de simples agitateurs et guignols de l’espace public et je plaide pour une résistance plus radicale. Plus qu’un discours politique, je revendique un art politique qui se confronte réellement, dans sa forme, sa manière et son contenu, à l’actualité, au marché de l’art et au pouvoir.

Au label de l’artiste « arabe », je préfère artiste tout court, l’art n’a pas de nationalité. Je refuse que ma « légitimité d’artiste » soit fondée sur la persécution ou sur l’engagement politique. Au label de l’artiste sociale, je préfère artiste « asociale ». Je situe l’art et mon rôle d’artiste dans une logique de combat, dans un rapport antagoniste avec l’ordre établi, dans une logique de résistance à la politisation et dans une logique de résistance poétique. Il faut chercher l’alternative du politique au lieu de s’engager dans le politique.

Je préfère rester fidèle au devoir révolutionnaire de l’artiste en cherchant à donner le meilleur de ce que je sais faire, en m’engageant dans la production d’une oeuvre en mouvement qui cherche et se cherche. Derrière le pseudo militantisme affiché, il y a beaucoup d’arrivistes, de collabos d’hier, d’aujourd’hui et de demain. Derrière le messianisme de certains artistes « engagés », il y a de la domination inversée. Celui qui observe de près l’actualité en Tunisie et dans le Monde arabe ne peut y voir que „le Déshonneur des poètes“.

A ce sujet, Benjamin Péret avait écrit : „mais le poète n’a pas à entretenir chez autrui une illusoire espérance humaine ou céleste, ni à désarmer les esprits en leur insufflant une confiance sans limite en un père ou un chef contre qui toute critique devient sacrilège. Tout au contraire, c’est à lui de prononcer les paroles toujours sacrilèges et les blasphèmes permanents. … Il sera donc révolutionnaire, mais non de ceux qui s’opposent au tyran d’aujourd’hui, néfaste à leurs yeux parce qu’il dessert leurs intérêts, pour vanter l’excellence de l’oppresseur de demain dont ils se sont déjà constitués les serviteurs.“

Il est temps que l’occident arrête son engouement pour les « esthétiques de la persécution et de la compassion ». L’Art est infiniment plus grand, plus universel parce qu’il est infiniment personnel et intime. Il est temps que l’orient « tue ses chéris » ( comme l’exprime très bien l’expression anglaise „kill your darlings“ ) et arrête de se contenter de ce qu’il sait produire. Voire, surtout arrêter de craindre ce qu’il pense être incapable de produire.

C’est la liberté de pensée et de création qui est en jeu et qui est le véritable enjeu.

Il n’y a plus un horizon commun, mais une multiplicité de débats autour de mondes possibles que nous devons articuler entre eux..

Le plus important dans tout cela, c’est le « devenir » au sens hégélien ou la pensée en marche…

Meriam Bousselmi
Berlin 2016

„Was werden/wollen wir werden? Mögliche Antworten aus der Europaforschung der Universität des Saarlandes“

Jun.-Prof. Dr. Christoph Vatter (Roman. Kulturwissenschaft & Interkulturelle Kommunikation) & Anne Rennig (Europa-Kolleg CEUS)

„Fluchtraum Europa“ – diesem Thema widmet sich seit Ende 2015 eine Arbeitsgruppe im Europa-Kolleg CEUS der Universität des Saarlandes. Ihre Forschungsarbeit knüpft an aktuelle Fragen, die aus der ‚Flüchtlingskrise‘ resultieren, an und will durch fachübergreifende Perspektivierungen Denkanstöße geben und Reflexionsräume öffnen – auch für die Frage „Was werden wir werden?“, dem zentralen Thema der ‚Denkraumwochen‘, an denen sich die interdisziplinäre AG „Fluchtraum Europa“ mit sechs Blog-Beiträgen beteiligt.

Was kann die Forschung leisten?

Angesichts von Flucht und Terror rückt die Welt – bzw. Teile davon – einerseits weiter zusammen, andererseits scheint sie auch immer weiter auseinanderzudriften. Kulturelle, religiöse oder politische Gegensätze stehen sich scheinbar unversöhnlich gegenüber, sodass Unsicherheit und Angst gegen Solidarität und Gemeinschaft stehen. In der Politik ist in dieser Situation der Konvergenzen und Divergenzen meist Pragmatismus gefordert. Machbare, ethische, schnelle Lösungen müssen für Krisen gefunden werden. Es ist die Aufgabe der Wissenschaft, diese Lösungen kritisch zu begleiten, sie zu hinterfragen und ggf. auch zu stützen. Dabei stehen natürlich nicht nur Ergebnisse, also Handlungsempfehlungen und pragmatische ‚Lösungen‘, im Vordergrund, sondern auch die Analyse von Ursachen und Zusammenhängen sowie die Antizipation möglicher künftiger Problemstellungen. Während also Politiker*innen dafür sorgen müssen, eintreffende Flüchtlinge erstzuversorgen, Wohnraum zu schaffen und Personaldokumente auszustellen, fragen Wissenschaftler*innen an der Universität z. B. danach, wie sich die Zuwanderung auf die Ökonomie auswirkt, welche juristischen Konsequenzen zu erwarten sind, wie sich die Gesellschaft langfristig verändern wird und welche kulturellen/religiösen/sprachlichen Wechselwirkungen eintreten (können). Auch der Blick in die Vergangenheit und die Analyse künstlerischer Darstellungen und Kommentarformen lohnen sich, um Orientierung in aktuellen Entwicklungen zu geben und gesellschaftliche Prozesse zu reflektieren.

Der Schwerpunkt der Arbeit der AG „Fluchtraum Europa“ am Europa-Kolleg der Universität des Saarlandes liegt auf der Frage nach europaspezifischen Faktoren und Lösungen. Was zeichnet Europa als Fluchtziel aus? Welche Fluchtbewegungen gab und gibt es in oder aus Europa? Welche Vergleichsebenen erweisen sich als konstruktiv? Welche spezifischen Lösungen/Einschränkungen bietet das Europarecht? Welche Verantwortung trägt die Europäische Union als Staatenverbund, und wo liegen ihre Grenzen? Wie wird das Thema Flucht ästhetisch in europäischer Literatur, Film und Theater umgesetzt – und wie blickt man von außen auf Europa? Wie kann sprachliche und kulturelle Integration in Europa gelingen? Welche Rolle spielt Europa in den Identitätskonstruktionen der Menschen?

Diesen und anderen Fragen sieht sich die Europaforschung gegenüber. Wie drängend diese Analysen sind, zeigen die zahlreichen Förderprogramme, die bei der EU und anderen Institutionen zusätzlich aufgelegt wurden.

„Fluchtraum Europa“

Das Forschungsprojekt „Fluchtraum Europa“ vereint vor allem Fragestellungen aus den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sowie den Geisteswissenschaften, seit jeher die Hauptvertreter des Europa-Schwerpunkts der Universität des Saarlandes. Von Ende Oktober 2016 bis Februar 2017 werden einige dieser Fragestellungen durch eine Ringvorlesung im Festsaal des Saarbrücker Rathauses (montags, 19 Uhr, ab 31.10.2016, Programm unter www.uni-saarland.de/ceus) in die interessierte Öffentlichkeit getragen und mit ihr diskutiert. Mit dabei sind Historiker, Literatur- und Kulturwissenschaftler, Sprachwissenschaftler und Juristen, Ökonomen und Ethnologen. Bereits am 24. Oktober spricht der renommierte französische Forscher Alexis Nouss (20 Uhr, Villa Europa, Kohlweg 7) auf Einladung des Institut français zum Thema. Begleitend zur Ringvorlesung zeigt die Stadt Saarbrücken eine Ausstellung des Vereins „Courage gegen Fremdenhass e. V.“ zum Thema „Jenseits von Lampedusa – Willkommen in Kalabrien“ im Hauberrisser Saal des Rathauses St. Johann.

Blog-Beiträge aus der Europaforschung der Universität des Saarlandes

Im Blog zu den „Denkraumwochen“ werden einige Themen aus der Europaforschung skizziert, um die Veranstaltung wissenschaftlich zu begleiten und den Leser*innen einen Eindruck dessen zu vermitteln, womit sich Forschung zum Thema beschäftigen kann. Dabei geht es weniger darum, konkrete Antworten auf die Frage „Wie werden wir werden?“ zu geben, sondern vielmehr mit Perspektivierungen und Diskussionsanregungen zur aktiven Gestaltung beizutragen. „Wie wollen wir leben?“ – diese Frage steht vielmehr auf dem Spiel.[1]

So stellt Prof. Christian Scholz (Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation, Personal- und Informationsmanagement) in seinem Beitrag „Neu-Europäer: Zwischen Divergenz und Konvergenz“ die These auf, dass Konvergenz in Europa – also das Streben nach größtmöglicher Einheitlichkeit und Harmonisierung – im kulturellen/gesellschaftlichen Bereich nicht machbar und auch nicht wünschenswert ist. Darüber hinaus hat er in Gesprächen mit Flüchtlingen erfahren, dass ‚Europa‘ wider Erwarten keine Denkkategorie für die Flüchtenden ist.

Jun-Prof. Amalia Barboza (Theorien der Kulturwissenschaft) untersucht in ihrem Beitrag „Topographien des Provisorischen“ Objekte, die einen Raum provisorisch als Heimat markieren können oder auch das Weiterwandern, das Nicht-Beheimatetsein oder die Möglichkeit einer Rückkehr versinnbildlichen. Ein Beispiel hierfür ist der Teppich, oftmals Bestandteil der wenigen Habseligkeiten von Flüchtlingen, der, gut verstaubar und schnell ausgerollt, ein Stück Heimat mit in die Fremde transportiert, dies oft auch als Träger vertrauter Bilder. Sie kontrastiert dies im Sinne Walter Benjamins mit der weiteren Bedeutung des Teppichs als raumstrukturierende Ausdrucksform von (europäischer) Individualität.

Prof. Astrid Fellner und Eva Nossem (Amerikanistik) problematisieren im Beitrag „Queers-of-Color-Identitäten auf der Flucht“ die Situation lesbischer, schwuler, bisexueller, trans*, inter* und queerer Menschen, die in Europa Asyl suchen. Sie sehen sich sehr oft Vorurteilen und Unverständnis gegenüber und haben auch aufgrund unzureichender Gesetzeslagen Schwierigkeiten, ihre Schutzbedürftigkeit nachzuweisen. Auch in der Kommunikation (z. B. in verdolmetschten Beratungssituationen) entstehen Missverständnisse, die u. a. auf sprachlich-kulturell unterschiedlichen Begrifflichkeiten und Konzepten von Sexualität und Geschlechtsidentität beruhen. Die Autorinnen fordern, die Lebenssituation verfolgter LBGTIQ-Menschen generell mehr ins Bewusstsein zu bringen und „Phänomene von Migration, Ethnizität und Sexualität dringend intersektional zusammen“ zu denken, wie es im „Queer-of-Color“-Diskurs in den USA bereits seit Längerem praktiziert wird.

Prof. Stefanie Haberzettl und Benedikt Kramp (Deutsch als Fremd- und Zweitsprache) widmen sich in ihrem Beitrag „Ankommen in einer neuen Sprache“ auf Basis von Interviews mit syrischen Geflüchteten der Situation im Saarland und fragen nach ihren Hoffnungen und Wünschen, aber auch ihren Befürchtungen. Mangelnde Sprachkenntnisse stellen bei der ersten Kontaktaufnahme mit Deutschen und bei dem Versuch, sich zu integrieren und teilzuhaben, die größte Hürde dar. Noch dazu wurde die große Akzeptanz, die sich zunächst in der Bevölkerung zu einer Art „Willkommenskultur“ stilisiert hatte, u. a. durch die Ereignisse der Silvesternacht 2015 erschüttert (siehe hierzu auch den folgenden Kommentar von Prof. Scherzberg). Wie also kann Deutsch von einer Fremdsprache zur Zweitsprache werden und Integration gelingen?

Prof. Lucia Scherzberg (Katholische Theologie) beschäftigt sich in ihrem „Kommentar zu den Silvestervorfällen aus der Perspektive der Genderforschung“ mit den öffentlichen Reaktionen nach den Ereignissen der Silvesternacht 2015. Nach den massenhaften sexuellen Übergriffen gegen Frauen in dieser Nacht meldeten sich manche zu Wort, die bislang nicht durch einen besonderen Einsatz für die Rechte von Frauen aufgefallen waren. An einem ausgewählten Beispiel zeigt sie, dass die Darstellung von Opfern und Tätern, entgegen dem Anschein, weniger auf den Schutz der Rechte der betroffenen Frauen abzielt als vielmehr fremdenfeindlichen Einstellungen Ausdruck verleihen kann. Die Präsentation der Frau als Opfer meint dann nicht die individuelle Frau, sondern symbolisiert die Deutschen als (feminisiertes) Kollektiv, das von außen bedroht wird.

[1] Vgl. den von Matthias Jügler herausgegebenen Band Wie wir leben wollen: Texte für Solidarität und Freiheit (Suhrkamp, 2016), in dem junge Autor*innen mit Bezug auf verschiedene Länder nach Heimat, Fremde und Identitäten fragen.

Topographien des Provisorischen

Amalia Barboza

Was werden wir werden? Eine genauere Prognose kann ich nicht geben. Aber auf jeden Fall lässt sich zeigen, dass wir uns alle in einem ständigen Prozess des Werdens befinden. Nicht nur Geflüchtete und MigrantInnen, sondern auch Einheimische und Langzeitansässige befinden sich seit ihrem Ankommen auf dieser Erde, seit ihrer Geburt, in einer Prozessualität. Alle Menschen versuchen in ihrem Leben diesem Werden eine Richtung zu geben.

Hanna Arendt wies in ihrem Buch „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ darauf hin, dass die Kraft des Neuankömmlings darin besteht, die Fähigkeit des Neubeginns zu haben. Eine Art „Natalität“, ein Neubeginn, der sich im tätigen Leben, im Arbeiten, Herstellen und Handeln äußert. Das Herstellen einer künstlichen Welt ist das, was Neuankömmlingen überall in der Welt das Gefühl gibt, „Bestand und Halt“ ihrem flüchtlingen Dasein entgegenstellen zu können.[1]

Eine Aufgabe der Kultur- und Sozialwissenschaft ist es, die verschiedenen Formen des Ankommens und des sich Einrichtens in dieser Welt zu untersuchen. Eine Form, die ich besonders interessant finde, ist das sich einrichten mit der Möglichkeit, im Werden zu bleiben. Es handelt sich um Einrichtungen, Räume, Utensilien und Requisiten, die dem Neuankömmling Halt an einem Ort geben, aber gleichzeitig das Weiterwandern ermöglichen. Ich möchte hier einen kurzen Einblick in solche Topographien des Provisorischen geben.[2]

Um an einem Ort anzukommen, braucht man als Neuankömmlinge im Prinzip nicht viel. Mit nur einem Teppich ist man in der Lage, einen Ort zu markieren und sich diesen anzueignen. Als ich vor zehn Jahren in Dresden Interviews mit AsylantInnen durchführte, bat ich darum, die wenigen Sachen, die sie aus ihren Heimatländern mitgenommen hatten, sehen zu dürfen. Oft waren unter diesen Teppiche. Eine Frau aus dem Libanon holte ihren mitgebrachten Teppich aus dem Schrank hervor, entrollte ihn, um mir das Abbild einer eingewebten Moschee aus ihrem Heimatland zu zeigen. Damit wurde mir bewusst, dass der Teppich nicht nur als Markierung in einem Raum, sondern auch als Bildträger für einen Ort, den man verlassen musste, eine wichtige Funktion erfüllt.

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Amalia Barboza, Videostill, 2005

Die Frau lebte in einem zentralen Stadtteil von Dresden, in einem Haus, in dem viele geflüchtete Familien beherbergt waren. Von außen war nicht erkennbar, dass hinter der Fassade Familien aus dem Libanon und aus dem ehemaligen Jugoslawien lebten. Nur im Inneren breiteten sich die Teppiche und andere Utensilien aus und mit diesen, Landschaften und Räume aus den Heimatländern.

Michel Foucault erwähnt in seinem Vortrag „Die Heterotopien“ auch den Teppich als einen heterotopischen Ort, der sich anderen etablierten Orten widersetzt.[3] Er bezieht sich nicht auf den Teppich als Objekt und gleichzeitigen Bildträger der verlassenen Heimat, sondern er nimmt Bezug auf den orientalischen Teppich, der mit der Funktion des Fliegens ausgestattet ist. Als könnte man mit diesem Gegenstand nicht nur einen Raum markieren, sondern auch Räume überwinden und Menschen von einem Ort zu einem anderen transportieren.

Der Teppich fungiert sowohl als Transportmittel als auch als Mobiliar des Ankommens. Wenn wir den Teppich als schnelle Markierung eines Ortes begreifen, wird deutlich, dass dieser Ort das Provisorische in sich enthält. Ein Ort, der sich schnell ausrollen und einrollen lässt. Ein Ort, an dem sich Kommen und Gehen vereinen, wie der Soziologe Georg Simmel die Figur des Fremden kennzeichnete. Der Fremde ist für Simmel nicht „der Wandernde, der heute kommt und morgen geht“, sondern der, „der heute kommt und morgen bleibt – sozusagen der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat.“[4]

Nicht nur MigrantInnen und Geflüchtete machen von dem Teppich als schnell aufrollbare und provisorische Ortsmarkierung Gebrauch, auch den EuropäerInnen ist die Faszination des Teppichs nicht entgangen. Walter Benjamin verwies auf die Neigung des Bürgertums, einen Teppich immer schräg im Zimmer zu platzieren, um die eigene Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Als könnte der Teppich und seine Platzierung den Eindruck vermitteln, dass man dem Raum seine eigene Individualität verliehen habe. Eine Individualität, die immer bereit ist, sich zu erneuern, indem der Teppich in eine andere Richtung gebracht wird. Als wäre der Teppich eine Instanz, die sowohl die Vielfalt von Kulturen ermöglicht als auch die Vielfalt von individuellen Orientierungen.

Es gibt noch viele andere Einrichtungen, die sowohl die Möglichkeit der Fixierung und gleichzeitig das Weiterwandern verkörpern. Die Fotografin und Kulturwissenschaftlerin Mimi Levy Lipis hat das Phänomen der Sukkah bei jüdischen MigrantInnen untersucht.[5]

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Mimi Levy Lipis, 2010

Es handelt sich um eine Laubhütte aus provisorischen Materialien wie Ästen, Zweigen, Laub und Stroh, die in Erinnerung an die Zeit der Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten auf Balkonen oder freien Plätzen gebaut wird. Diese Sukkahs werden einmal im Jahr errichtet, um das siebentägige Laubhüttenfest zu feiern. In dieser Zeit wird in der Sukkah auch gewohnt. Eine Zeit, in der das Gefühl des Provisorischen, Selbstgebauten, in einer sesshaften Umgebung inszeniert wird.

Neben diesen mobilen Einrichtungen und provisorischen Architekturen finden wir im Haushalt von MigrantInnen oft Objekte, welche das Weiterwandern symbolisieren. Ein Restaurantbesitzer, der in der Stadt Saarbrücken seit 20 Jahren lebt und aus der Türkei flüchten musste, zeigte mir während eines Interviews eine Sammlung von VW-Bus-Modellen. Viele Ecken seines Restaurants waren mit Teilen seiner Sammlung bestückt. Ein anderer Teil der Sammlung befand sich in seiner Wohnung. Im Gespräch erzählte er, dass er nicht in die Türkei einreisen darf, aber schon lange davon träumt, eine Reise mit einem VW-Bus dahin machen zu können. Eine Sammlung von VW-Bussen markiert an einem Ort die Potentialität des Weiterreisen-Könnens und schafft damit eine Form, die Unmöglichkeit dieses Reisevorhabens zu überwinden.

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 Amalia Barboza, 2015

Ich befinde mich auf der Suche nach weiteren Utensilien und Requisiten einer Topographie des Provisorischen. Falls Sie mir solche Gegenstände und Einrichtungen aus ihrem Haushalt mitteilen könnten, würde ich mich freuen. Sie können ein Foto und einen Kommentar an meine E-Mail-Adresse schicken: a.barboza@mx.uni-saarland.de

PS: Das bekannteste „wandernde Volk“ in Europa ist außer den Sinti und Roma der Zirkus. Das Zelt wird aufgebaut und verweilt einige Wochen, manchmal Monate an einem Ort, bis es dann wieder weiter geht. Um den Zirkus herum sind nicht nur die Zirkusgäste zu sehen, sondern auch einige neugierige Einheimische, die sich manchmal in dieser Zeit mit den ZirkusbewohnerInnen anfreunden und zuweilen auch überlegen, mitzuziehen. Der Zirkus strahlt seine Anziehungskraft auf viele Ansässige aus. Nicht nur wegen der Zauberei, der Musik und dem Zusammenleben mit den Tieren, sondern auch wegen dieser Möglichkeit, ständig in Bewegung sein zu können. Im Zirkus finden wir alle Utensilien und Requisiten einer Topographie des Provisorischen.

[1] Hanna Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, Frankfurt am Main 1967, S. 18.

[2] Dieser Blog-Beitrag ist Teil eines Textes, der in dem Buch Räume des Ankommens. Topographische Perspektiven auf Migration und Flucht erschienen ist: Amalia Barboza, „¿Cuando llegaré? Topographien des Ankommens“. In: Amalia Barboza, Stefanie Eberding, Ulrich Pantle, Georg Winter (Hg.), Räume des Ankommens. Topographische Perspektiven auf Migration und Flucht, Bielefeld 2016, S. 123-136.

[3] Michel Foucault, Die Heterotopien. Der utopische Körper, Frankfurt am Main 2005, S. 15.

[4] Georg Simmel, Soziologie – Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin 1908, S. 509.

[5] Mimi Levy Lipis, Home is anywhere. Jewish culture and the architecture of the Sukkah, Köln 2010.